Analyse

Unser Gegner: Ein Traditionsverein aus einer alten Stahlstadt

Motherwell FC ist einer dieser Gegner, die im ersten Moment weit weg wirken. Kein Name, der bei uns sofort große Europapokalbilder auslöst. Kein Klub, über den man in Deutschland jede Woche spricht. Und trotzdem steckt in diesem Duell ziemlich viel von dem, was solche Abende besonders macht.

Ein traditionsreicher Verein aus einer alten Stahlstadt. Ein Stadion, das seit mehr als 130 Jahren an derselben Stelle steht. Ein Klub in den Händen seiner Fans. Und eine junge Mannschaft, die innerhalb weniger Tage gezeigt hat, wie gut – und wie anfällig – sie sein kann.

Der SC fährt als klarer Favorit nach Schottland. Aber er fährt nicht zu einem Statisten.

Der Stahl steckt noch immer im Namen

Motherwell liegt in North Lanarkshire, zwischen Glasgow und Edinburgh. Über viele Jahrzehnte wurde die Stadt von der Stahlindustrie geprägt. Die großen Werke sind verschwunden, der Beiname des Vereins ist geblieben: „The Steelmen“.

Das ist mehr als ein hübscher Spitzname für den Europapokalabend. Der Klub wurde 1886 gegründet und spielt seit 1895 im Fir Park. Motherwell gehört damit zu jenen Vereinen, bei denen Stadion, Stadt und Geschichte eng miteinander verbunden sind. Die Heimspielstätte fasst keine Massen, aber genau darin liegt ein Teil ihres Reizes. Man steht an einem Ort, an dem Generationen denselben Weg zum Fußball gegangen sind.

Seit Oktober 2016 hält die Well Society die Mehrheit am Verein. Damit war Motherwell der erste Verein in Fanbesitz, der in einer höchsten Spielklasse des Vereinigten Königreichs spielte – konkret in der schottischen Premiership. Mehr als 4.000 Mitglieder tragen dieses Modell inzwischen mit. Für einen Klub, der sich dauerhaft gegen finanzstärkere Konkurrenz behaupten muss, ist das keine romantische Nebensache. Es ist ein bewusstes Versprechen: Der Verein soll den Menschen gehören, die ihn Woche für Woche begleiten.

Uns Freiburgern dürfte dieser Gedanke nicht fremd sein. 😉

Eine junge Mannschaft mit einer klaren Idee

Sportlich hat Motherwell im Sommer einiges verändert. Nach dem vierten Platz in der vergangenen Saison wechselte Trainer Jens Berthel Askou zum FC Toulouse. Sein Nachfolger Alfred Johansson hat keinen Neustart ausgerufen. Er will auf dem ballbesitzorientierten Fußball seines Vorgängers aufbauen: konstruktiv eröffnen, das Spiel kontrollieren, Läufe in die Tiefe bringen und mit vielen Spielern den gegnerischen Strafraum besetzen.

Wie das aussehen kann, bekam HJK Helsinki im Rückspiel der dritten Qualifikationsrunde zu spüren. Nach dem 1:1 in Finnland machte Motherwell im Fir Park von Beginn an Druck. Die Außenverteidiger schoben weit nach vorne, HJK wurde immer wieder tief gebunden und nach der Pause fiel endlich auch das Ergebnis dazu. Ibrahim Said traf zweimal, Motherwell gewann 2:0 und zog verdient in die Playoffs ein.

Vor 8.150 Zuschauern war das keine Mannschaft, die nur auf einen Fehler des Gegners wartete. Sie wollte den Ball, blieb geduldig und erhöhte nach der Pause noch einmal das Tempo. Said kam bevorzugt über links, zog nach innen und suchte selbst den Abschluss. Lukas Fadinger gab dem Spiel Verbindung und Tiefe. Emmanuel Longelo sorgte auf der Außenbahn für zusätzlichen Schub.

Wer nur auf den Namen des Gegners schaut, könnte diese Qualität unterschätzen.

Vier Tage später war fast alles weg

Dann kam Stenhousemuir. Im schottischen Ligapokal verlor Motherwell nach Verlängerung mit 0:1 gegen den Klub, der gerade in die zweitklassige Scottish Championship aufgestiegen war. Ausgerechnet das Spiel mit dem Ball, das gegen HJK so geduldig und kontrolliert gewirkt hatte, wurde zum Problem. Zu langsam, zu ungenau, zu wenig Ideen gegen einen tief stehenden Gegner.

Johansson sprach anschließend von einer riesigen Enttäuschung. Das war keine Trainerfloskel nach einem unglücklichen Ausscheiden. Es war eine klare Kritik an der eigenen Leistung.

Diese beiden Spiele erzählen mehr über Motherwell als jede einfache Formkurve. Die Mannschaft kann einen Europapokalabend mit Druck, Breite und Energie an sich ziehen. Sie kann aber auch ins Stocken geraten, wenn der Gegner die Räume eng macht und sie selbst Lösungen entwickeln muss. Das Pokal-Aus macht sie nicht automatisch schwach. Es zeigt nur, dass ihre Entwicklung längst nicht abgeschlossen ist.

Was auf den SC zukommt

Freiburg reist mit einem 3:0 gegen Crystal Palace im Rücken nach Schottland. Besonders die disziplinierte Arbeit gegen den Ball und die Wirkung der Wechselspieler dürfen Selbstvertrauen geben. Selbst als nach und nach fast eine neue Mannschaft auf dem Platz stand, blieb der Zugriff erhalten.

Genau das wird im Fir Park wichtig sein. Motherwell dürfte versuchen, die erste Energie des Abends zu nutzen: frühe Bälle nach außen, weit aufrückende Außenverteidiger, zweite Bälle und ein Publikum, das jede gelungene Aktion größer macht. Der SC muss diese Phase nicht spektakulär lösen. Er muss sie ruhig lösen.

Wenn Freiburg Motherwells ersten Druck überspielt, können sich hinter den Außenverteidigern Räume öffnen. Dort liegt wahrscheinlich der größte Unterschied zwischen beiden Mannschaften. Der SC hat die individuelle Qualität, aus wenigen klaren Situationen mehr zu machen. Er darf nur nicht den Fehler begehen, das Spiel schon vor dem Anpfiff für entschieden zu halten.

Respekt, aber keine künstliche Angst

Natürlich ist der SC Favorit. Alles andere wäre falsche Bescheidenheit. Freiburg kommt als Europa-League-Finalist, verfügt über den breiteren Kader und hat gegen Crystal Palace gezeigt, wie stabil diese Mannschaft schon wieder auftreten kann.

Aber Europapokal funktioniert selten nur über Kaderwerte und bekannte Namen. Für Motherwell ist dieses Heimspiel einer der größten Abende der vergangenen Jahre. Die Außenseiterrolle nimmt Druck weg, die Atmosphäre gibt Energie und nach dem enttäuschenden Pokal-Aus wird jeder zeigen wollen, dass das andere Gesicht das echte ist.

Wir müssen Motherwell deshalb nicht größer machen, als es ist. Aber wir sollten verstehen, wer dort auf uns wartet: kein schottisches Klischee, kein namenloses Hindernis und ganz sicher kein Selbstläufer.

Ein alter Fußballort. Ein Verein in Fanhand. Eine junge Mannschaft zwischen mutigem Ballbesitz und deutlichen Schwankungen. Genau so darf sich eine europäische Auswärtsreise anfühlen.

Zwölf Euro – und trotzdem Vorfreude

Für zusätzliche Diskussionen sorgt die Übertragung. Motherwell bietet für den deutschen Markt einen Livestream mit deutschem Kommentar an. Der einzelne Zugang kostet zwölf Euro. Kostenlos bleibt das barrierefreie SC-Fanradio, das aus Motherwell berichtet.

Zwölf Euro tun weh. Von einem kleinen Verein gleichzeitig einen professionellen Livestream und dessen kostenlose Bereitstellung zu erwarten, passt allerdings auch nicht ganz zusammen.

Und dann ist da noch die andere Seite dieses Abends: Endlich beginnt die neue Saison. Das Bier steht kalt, die Chips liegen bereit und der SC startet direkt mit englischen Wochen. Zwölf Euro entsprechen ungefähr einem Döner – nicht wenig, aber auch kein Grund, sich die Vorfreude auf Donnerstag nehmen zu lassen.

Weitersagen

Hat dir der Beitrag gefallen?

Dann zeig ihn deinen Freunden.

Die Debatte

Kommentare

Beiträge erscheinen nach redaktioneller Freigabe – chronologisch, ohne Bewertung oder Sortierung.

Kommentare werden geladen …

Kommentar einreichen

Mit dem Absenden wird der Kommentar zunächst nur der Redaktion angezeigt.