Analyse
Warum Freiburgs Nachwuchs erfolgreich ist, wenn er seine besten Spieler verliert
Neun Spieler aus der vergangenen U17 und U19 sind in diesem Sommer zur U23 aufgerückt. Sechs von ihnen dürfen weiterhin bei den A-Junioren spielen. Klingt ein wenig so, als hätte der SC einen Kader gebaut, bei dem selbst die Spieler manchmal nachschauen müssen, für welche Mannschaft sie am Wochenende eigentlich vorgesehen sind. Für die Trainer ist das weniger lustig. Sie sollen eine funktionierende Mannschaft entwickeln und geben gleichzeitig diejenigen frühzeitig ab, die dabei besonders helfen könnten. In Freiburg gehört genau das zum Geschäft. Wenn ein Spieler die U19 vorzeitig in Richtung U23 verlässt, fehlt er dort – und sein bisheriger Trainer hat offenbar ziemlich viel richtig gemacht.
Bei Julian Wiedensohlers U19 wird diese Spannung gerade besonders deutlich. Sechs Spieler, die noch für seine Mannschaft spielberechtigt wären, sind bereits eine Stufe weiter. Trotzdem hat er für die neue Saison einen Satz ausgegeben, der nicht nach vorsichtiger Nachwuchspädagogik klingt: „Am Wochenende wollen wir gewinnen.“ In der vergangenen Spielzeit spielte seine Mannschaft häufig guten Fußball, erreichte aber nicht alle Ziele. Wiedensohler zog daraus keine Grundsatzkritik am Freiburger Ausbildungsweg. Er ergänzte ihn um etwas, das sich eigentlich von selbst verstehen müsste und im Nachwuchs trotzdem schnell kompliziert wird. Junge Spieler sollen Räume erkennen, Verbindungen herstellen, technisch und taktisch wachsen. Irgendwann muss der Ball aber auch ins Tor – vorzugsweise häufiger ins gegnerische.
Dafür hängt in der Kabine die „Wall of Fame“. Dort landen die besonderen Erfolge und gemeinsamen Erlebnisse. Man könnte darüber hinweggehen und sie als nette Idee für Jugendliche behandeln. Wahrscheinlich wäre das ein Fehler. Wer später im Profifußball bestehen soll, braucht Erinnerungen an Spiele, in denen es wirklich um etwas ging. An eine Schlussphase, die nicht schön war, aber überstanden wurde. An einen Treffer, nach dem plötzlich alle über den halben Platz rennen. Und auch an die andere Sorte Nachmittag, an dem eine 2:0-Führung noch aus der Hand gegeben wird und die Rückfahrt reichlich Zeit zum Nachdenken bietet. Freiburgs U19 hat in den ersten Wochen schon einiges davon eingesammelt: ein deutliches 4:0 im Pokal bei Fortuna Köln, das späte 1:0 gegen Sandhausen und anschließend das 2:2 in Karlsruhe. Das reicht noch nicht für eine neue goldene Tafel am Möslestadion. Als Anschauungsmaterial für Wiedensohlers Satz taugt es allemal.
Wer bereit ist, soll weiter
Die Mannschaft wird dabei nie vollständig sich selbst gehören. Besonders weit entwickelte Spieler trainieren oben, werden bei der U23 eingesetzt oder stehen nur zeitweise für die U19 zur Verfügung. Für Fans ist das manchmal schwer zu verfolgen. Ein Talent überzeugt bei den A-Junioren, verschwindet kurz darauf aus der Aufstellung und taucht Wochen später eine Mannschaft höher wieder auf. Man sucht nach einer Verletzung und findet stattdessen eine Beförderung. Auch schön.
Die U23 setzt dieses Prinzip unter anderen Bedingungen fort. Rund 15 Neuzugänge musste Bernhard Weis in diesem Sommer integrieren, neun kamen aus der eigenen U17 und U19. Eine eingespielte Mannschaft bekommt man auf diesem Weg ungefähr so leicht wie einen ruhigen Transfersommer beim SC. Kaum ist eine Ordnung entstanden, verändert sich der Kader wieder. Mateo Zelic und Leon Catak sammelten bereits Erfahrungen im Training der Profis. Andere Spieler werden verliehen oder gehen ihren nächsten Schritt außerhalb Freiburgs. Für die U23 ist selbst ein Wechsel in die zweite oder dritte Liga ein gutes Ergebnis, wenn der direkte Sprung zu den SC-Profis noch nicht möglich ist. Das klingt für eine Mannschaft, die selbst Punkte braucht, zunächst wenig tröstlich. Es ist aber ihr Auftrag.
Dass der SC vorerst auf die neue Bundesliga Talent Series verzichtet und weiter auf die Regionalliga setzt, passt dazu. Dort spielen die Freiburger Talente gegen Herrenmannschaften, die wenig Interesse daran haben, bei der gegnerischen Ausbildung behilflich zu sein. Ein 29-jähriger Innenverteidiger aus der Regionalliga wird im Zweikampf kaum Rücksicht darauf nehmen, dass sein Gegenspieler als großes Talent gilt. Diese Erfahrung lässt sich nicht mit einer Trainingseinheit ersetzen. Die Wege sind zudem kürzer, die Einsätze zwischen U19 und U23 flexibler zu verteilen. Der SC beobachtet die neue Liga und schließt eine spätere Teilnahme nicht aus. Vorerst bleibt er bei einem Modell, das seine Spieler früh in jene Fußballwelt schickt, in der Entwicklungspunkte am Samstag keinen Tabellenpunkt ersetzen.
Manche Wege führen kurz aus Freiburg hinaus
Natürlich schafft nicht jeder Fußballschüler den direkten Sprung in den Profikader. Das war nie anders, wird aber gelegentlich vergessen, sobald wieder ein außergewöhnlicher Jahrgang auftaucht. Die Freiburger Ausbildung ist keine Rolltreppe, auf die ein Spieler mit 14 steigt und sechs Jahre später automatisch im Europa-Park Stadion ankommt. Manche brauchen eine Leihe, andere mehrere Stationen. Philipp Treu und Yannik Engelhardt gingen fort und kehrten später zurück. Berkay Yılmaz sammelt anderswo Spielpraxis. Wieder andere bauen sich eine Laufbahn in der zweiten oder dritten Liga auf. Auch das sind Freiburger Ausbildungsgeschichten, selbst wenn sie nicht alle dauerhaft im SC-Trikot weitererzählt werden.
Nach 25 Jahren Freiburger Fußballschule sieht man ohnehin, dass dort mehr weitergegeben wird als ein Platz im Profikader. Christian Streich kam aus dem Nachwuchs, Julian Schuster wechselte vom Spieler zum Trainer, und etliche frühere Fußballschüler arbeiten inzwischen selbst im Verein. Felix Roth gehörte 2006 zur ersten Freiburger U19, die den DFB-Pokal gewann. Heute ist er Trainer. Auch Sandrino Braun-Schumacher, Johannes Flum und Daniel Schwaab sind in anderen Funktionen zurückgekehrt. Wer den SC länger verfolgt, begegnet manchen Namen eben mehrmals. Zuerst auf dem Spielberichtsbogen, Jahre später an der Seitenlinie – und irgendwann vermutlich in irgendeinem Büro, in dem darüber gesprochen wird, warum die U19 schon wieder ihre besten Spieler abgeben musste.
Nicolas Höfler bildet derzeit die auffälligste Verbindung zwischen den Generationen. Nach 383 Pflichtspielen für die Profis läuft er nun als Kapitän und erfahrener Stützspieler für die U23 auf. Junge Spieler treffen dort also nicht nur auf den Herrenfußball, sondern im eigenen Training auf einen Mann, der beim SC praktisch alles erlebt hat. Höfler muss dafür keine täglichen Vorträge über Zweikampfführung und Freiburger Werte halten. Vermutlich genügt es schon, wenn ein Nachwuchsspieler glaubt, im Training kurz abschalten zu können, und dann feststellt, dass Chicco mit 36 noch immer Chicco ist. Manche Dinge erklärt der SC tatsächlich besser auf dem Platz.
Die Mannschaft darf trotzdem nicht egal sein
Bei all den Übergängen wäre es leicht, Ergebnisse kleinzureden. Dann war die Aufstellung eben jung, ein wichtiger Spieler bei der U23 und der Gegner körperlich weiter. Alles nachvollziehbar – und trotzdem gefährlich. Eine Ausbildung, die jede Niederlage mit Entwicklung erklärt, nimmt jungen Spielern einen entscheidenden Teil des Fußballs. Sie müssen lernen, dass gemeinsame Ziele zählen, dass Mitspieler sich aufeinander verlassen und dass guter Fußball an manchen Tagen auch dreckige Arbeit braucht.
Darum ist Wiedensohlers „Wall of Fame“ mehr als eine hübsche Kabinenidee. Die Spieler sollen weiterkommen, aber sie sollen auf dem Weg dorthin auch zusammen etwas gewinnen. Wer besondere Spiele erlebt hat, nimmt mehr mit als eine zusätzliche taktische Einheit. Und wer eine Führung verspielt, darf sich darüber ärgern, ohne dass sofort jemand erklärt, die individuelle Entwicklung sei trotzdem erfreulich gewesen. Manchmal war es einfach unnötig. SC-Fans kennen dieses Gefühl auch aus anderen Altersklassen ziemlich gut.
Der Erfolg der Freiburger Nachwuchsarbeit lässt sich deshalb weder allein an Tabellenplätzen noch nur an späteren Profikarrieren ablesen. Er steckt in der Bewegung zwischen den Mannschaften: Ein Spieler rückt auf, hinterlässt eine Lücke und zwingt den Nächsten, mehr Verantwortung zu übernehmen. Die U19 muss damit umgehen, die U23 ebenfalls, irgendwann sogar die Profis. Seit 25 Jahren verändert sich dabei vieles – Trainer, Methoden, Wettbewerbe und die Wege der Spieler. Geblieben ist diese leicht verrückte Freiburger Aufgabe: Mannschaften aufzubauen, die gewinnen wollen, und gleichzeitig darauf zu hoffen, dass ihre besten Spieler möglichst bald gut genug sind, um sie wieder zu verlassen.




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