Analyse
Sieben ist keine Hausnummer mehr
Frisch gebackener Conference-League-Sieger, FA-Cup-Gewinner, Community-Shield-Champion – Crystal Palace kam nicht als Reisegruppe zur Generalprobe, sondern als das, was sie gerade sind: ein Klub im Rausch. Und selbst als bei uns nach und nach fast eine neue Mannschaft auf dem Platz stand, blieb der Zugriff erhalten. Das darf man einfach mal feiern, bevor man wieder in Fragen denkt.
Aber genau deshalb lohnt sich das Hinschauen jetzt, nicht erst im Oktober.
Manzambi fehlt, und das tut weh. Ein Spieler, der im Eins-gegen-Eins Linien auflöst, die vorher keiner sah – den ersetzt man nicht durch Kaderbreite, den ersetzt man durch Zeit oder gar nicht. Gleichzeitig: Scherhant hat letzte Saison mit sieben Toren und zwei Vorlagen aus der zweiten Reihe gezeigt, dass diese Mannschaft Antworten findet, die man vorher nicht auf der Rechnung hatte. Beides stimmt. Die Lücke ist real, und die Fähigkeit, sie zu füllen, ist es auch.
Bei den drei G ist mir wichtiger geworden, was bleibt, statt was gefährdet ist. Günter spielt seit über zwölf Jahren für diesen Verein – wer den nur noch an Startelfeinsätzen misst, hat nicht verstanden, was er uns gegeben hat, auch in Jahren, in denen wir einfach froh waren, dass er blieb. Grifo entscheidet Spiele weiterhin im Alleingang, keine Alters-Debatte nötig. Und ja, Ginter war letzte Saison so konstant überragend, dass es fast schon eine leise Warnung ist: Wenn ein Innenverteidiger so viel auffängt, will ich wissen, wer das tut, wenn er mal zwei Wochen fehlt. Das ist keine Sorge um Ginter. Das ist Vorfreude darauf, wer neben ihm noch lauter werden kann.
Backhaus 90 Minuten gegen einen frischen Europapokalsieger, kaum geprüft, weil der SC vor ihm sauber verteidigt hat – das ist ein gutes Zeichen fürs Kollektiv und noch keine Antwort auf die Torwartfrage. Die kommt beim ersten Fehler im Pokal, und das ist auch gut so. Vertrauen, das man sich erst verdienen muss, ist mehr wert als Vertrauen aus der Generalprobe.
Und dann die Sache mit den letzten Jahren. Vier von fünf Saisons haben uns international untergebracht. Das ist längst kein Ausreißer mehr – das ist, wie dieser Verein inzwischen spielt. Darauf darf man stolz sein, richtig stolz, denn das war vor zehn Jahren undenkbar. Trotzdem: Genau diese Konstanz macht die kommende Saison heikel. Wenn „international“ zur Erwartung statt zum Fest wird, vergessen wir, wie eng jede dieser Platzierungen kalkuliert war. Eine schwächere Ginter-Saison, ein Manzambi-Nachfolger, der länger braucht, zwei englische Wochen zu viel – und wir landen bei Platz zehn, ohne dass irgendwer etwas falsch gemacht hätte. Das ist keine Schande. Das ist einfach, wie eng dieser Klub kalkuliert, wenn man ihn mit dem BVB-Etat vergleicht.
Was für uns spricht: mehr Spieler, die an guten Tagen ein Spiel allein entscheiden können, als noch vor zwei Jahren. Was uns wach halten sollte: mehr ungeklärte Rollen als noch vor zwei Jahren – gegen einen Gegner, der uns gezeigt hat, wo die europäische Messlatte inzwischen liegt. Beides stimmt gleichzeitig, und ich freu mich einfach darauf, zuzuschauen, wie diese Mannschaft das auflöst.
Die Generalprobe war kein Versprechen. Sie war ein guter Nachmittag gegen einen richtig guten Gegner – und der erste echte Test kommt erst noch.
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