Das Tagesgeschäft · Europapokal-Vorschau
Jablonec kommt. Zeit für einen europäischen Abend.
In Jablonec wird den Fußballfans gerade erklärt, was es mit unseren Bächle auf sich hat. Der Verein stellt auf seiner Internetseite Freiburg vor, empfiehlt das Münster, einen Gang durch die Altstadt und eine Lange Rote auf dem Münstermarkt. Sogar die Geschichte vom versehentlichen Tritt ins Bächle und der anschließenden Heirat fehlt nicht. Die Gäste werden also ordentlich vorbereitet. Wobei ein Auswärtsspiel mit anschließender Hochzeit selbst für eine Europapokalreise ein recht umfangreiches Programm wäre.
Am Donnerstag, 15. Oktober, kommt der FK Jablonec ins Europa-Park Stadion. Um 21 Uhr beginnt für unseren SC die Ligaphase der Conference League. Nach der Qualifikation gegen Motherwell geht es nun weiter, und mit dem tschechischen Gast kommt ein Verein, über den viele hier vermutlich erst einmal etwas nachlesen müssen. Gerade das macht solche Begegnungen reizvoll. Bei den Bundesligagegnern kennt man irgendwann selbst die Geschichten, die jedes Jahr wieder erzählt werden. Diesmal darf man ein bisschen neugierig sein.
Jablonec nad Nisou liegt in Nordböhmen beim Isergebirge. Gablonz an der Neiße lautet der deutsche Name, und wer dabei eher an Glas und Schmuck als an Fußball denkt, liegt zumindest mit dem ersten Teil richtig. Beides hat die Stadt geprägt. Im Glas- und Schmuckmuseum, untergebracht im früheren Gebäude einer Exportfirma, lässt sich das bis heute anschauen. Glasperlen, Knöpfe, Schmuckstücke: Dinge, die von dort ihren Weg in die Welt gefunden haben. Man wollte eigentlich nur wissen, gegen wen der SC spielt, und bleibt plötzlich bei einer Stadt hängen, die vorher kaum auf dem eigenen Zettel stand.
Der heutige Fußballverein wurde 1945 gegründet. Gespielt wurde in Jablonec schon vorher, unter anderem beim früheren Ballspielklub auf der Střelnice. Zur Geschichte des FK gehören zwei tschechische Pokalsiege, 1998 und 2013. Auch europäische Spiele sind dort längst bekannt. Für uns mag der Name weniger vertraut sein als der manches anderen Gegners. Die Anhänger in Jablonec haben trotzdem ihre eigenen großen Abende, Erinnerungen und Geschichten. Und in diesem Sommer ist einiges dazugekommen.
Über NK Varaždin und RFS führte der Weg in der Qualifikation bis zu den Rangers. Auch die haben die Tschechen ausgeschaltet. Spätestens da wird aus einem zunächst vielleicht unscheinbaren Namen ein Gegner, bei dem man genauer hinschauen sollte. Wer diese drei Runden übersteht, hat sich seinen Platz verdient. Jablonec kommt nach Freiburg, weil die Mannschaft auf dem Platz dafür gesorgt hat.
Auch das letzte Ligaspiel dürfte der Vorfreude bei den Gästen geholfen haben. Am Samstag gewann Jablonec mit 1:0 bei Zbrojovka Brno. Antonín Růsek traf in der 85. Minute nach Vorarbeit von Saidou Alioum, beide waren eingewechselt worden. Ein später Sieg durch zwei frische Spieler – das kommt uns seit Sonntag durchaus bekannt vor. Während bei uns Grifo und Goto gegen Schalke für den entscheidenden Moment sorgten, durfte man in Jablonec schon einen Tag früher über eine gelungene Aktion von der Bank jubeln.
Der Bericht aus Brno beschreibt eine bessere zweite Halbzeit, in der Jablonec aktiv anlief und den Gegner unter Druck setzte. Beim Tor nutzte Alioum einen Fehler im Aufbau und bediente Růsek. Das reicht noch nicht, um die gesamte Spielweise der Gäste zu erklären. Es reicht aber, um sich für Donnerstag möglichst wenige Geschenke vor dem eigenen Strafraum zu wünschen. Die Gelegenheit, einen fremden Spielaufbau zu verderben, scheint dort jedenfalls willkommen zu sein.
Unser SC darf mit Zuversicht in diesen Abend gehen. Der Sieg gegen Schalke hat Kraft gekostet, aber auch gezeigt, welche Möglichkeiten Schuster während eines Spiels noch hat. Wie er die Mannschaft diesmal aufstellt und die Belastung verteilt, wird interessant. Höler hat nach dem Sonntag deutlich gemacht, dass er spielen möchte. Damit dürfte er kaum allein sein. Europapokal unter Flutlicht ist schließlich auch für die Spieler ein guter Grund, bei der Bekanntgabe der Aufstellung besonders aufmerksam zuzuhören.
Eggestein hat nach dem Schalke-Spiel bereits auf die Bedeutung der sechs Ligaphasenspiele hingewiesen und für den Stadionbesuch geworben. Ein guter Auftakt zuhause wäre viel wert. Und es wäre schön, wenn die Mannschaft von Beginn an spürt, dass dieser Wettbewerb auch auf den Rängen Lust auf mehr macht. Der Donnerstagabend darf ruhig seine eigene Stimmung bekommen, mit einem anderen Gegner, anderen Gesängen aus dem Gästeblock und dieser Spannung vor einer Begegnung, die man noch nicht so recht einschätzen kann.
Für die mitreisenden Jablonec-Fans beginnt der Tag ziemlich früh. Der Verein hat eine gemeinsame Busreise angekündigt, mit geplanter Abfahrt gegen zwei Uhr nachts und Rückfahrt direkt nach dem Spiel. Rund 760 Straßenkilometer liegen zwischen den Städten. Wer das für seinen Klub auf sich nimmt, wird bei der Frage nach einem gemütlichen Donnerstag vermutlich etwas andere Vorstellungen haben. Dazwischen soll Zeit bleiben, Freiburg anzuschauen. Die Empfehlungen dafür stehen ja schon bereit.
So begegnen sich morgen zwei Vereine und ihre Anhänger, die zunächst einmal dasselbe wollen: einen schönen europäischen Abend und einen guten Start. Beim Ergebnis gehen die Wünsche dann natürlich auseinander. Ein freundlicher Empfang, eine gute Lange Rote und ein paar schöne Stunden in Freiburg seien den Gästen von Herzen gegönnt. Die drei Punkte würden wir allerdings gerne hierbehalten.




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