Mehr als Profis · Vereinsnews

Finke, Streich und dieses Gefühl

Redaktionelle Gestaltung mit einem Tribünenfoto. Keine Aufnahme des Jubiläumsspiels.

Drei Tore in sechs Minuten. Stefan Reisinger hat das mit dem gemütlichen Wiedersehen offenbar etwas anders verstanden. Gerade hatten die ehemaligen Fußballschüler im Mösle mit 3:2 geführt, dann traf er in der 59., 63. und 65. Minute und erledigte die Sache mit dem Rückstand ziemlich gründlich. Zum Schluss schoss Karim Matmour auch noch aus der eigenen Hälfte ins Tor und verbeugte sich vor dem Publikum. Ein bisschen angeben darf man bei so einem Treffer. Auch beim 25. Geburtstag der Freiburger Fußballschule.

7:3 gewann die Traditionsmannschaft am Samstag gegen die ehemaligen Fußballschüler. Volker Finke betreute die eine Seite, Christian Streich und Patrick Baier die andere. Schon diese Besetzung reicht, um gedanklich eine Weile beim SC hängen zu bleiben. Bei Mannschaften von früher, bei Spielern, deren Namen lange nicht gefallen sind, bei der eigenen Zeit mit diesem Verein. Die Auswahl der Fußballschüler bestand zu großen Teilen aus der Meistermannschaft von 2008. Deutscher A-Junioren-Meister, damals. Das fühlt sich einerseits noch ziemlich nah an. Andererseits spielt Chicco Höfler inzwischen als erfahrener Mann bei der U23 und hilft den nächsten Jungen auf ihrem Weg.

FFS-Auswahl und Traditionsmannschaft gemeinsam auf dem Rasen vor der besetzten Tribüne im Möslestadion.
FFS-Auswahl und Traditionsmannschaft beim Jubiläum der Freiburger Fußballschule im Möslestadion.
Bildquelle: SC Freiburg, offizielle Facebook-Seite

An solchen Wochenenden darf man ruhig einmal ausgiebig stolz auf den SC sein. Finke und Streich gehören für viele von uns zu diesem Gefühl dazu. Mit ihnen verbinden sich ganze Abschnitte des Fanlebens, Aufstiege, Abstiege, schöne Nachmittage und Spiele, über die man besser erst am nächsten Tag gesprochen hat. Jetzt stehen sie bei einem Jubiläum wieder an der Seitenlinie, umgeben von Menschen, mit denen sie über Jahre gearbeitet haben. Dass so viele Verbindungen geblieben sind, macht dieses Wiedersehen besonders.

Als die Fußballschule 2001 eröffnet wurde, konnte niemand wissen, welche Karrieren hier einmal anfangen würden. Finke hatte die eigene Ausbildung vorangetrieben, Andreas Rettig, Achim Stocker und Heinrich Breit trugen die Entscheidung mit. Rund 20 Millionen D-Mark investierte der Verein damals in das Projekt. Für den damaligen SC war das eine gewaltige Summe, deren Nutzen sich erst über Jahre zeigen konnte. Heute lässt sich leicht sagen, wie richtig das war. Damals musste man das Geld erst einmal ausgeben und anschließend die Geduld behalten. Der Verein wollte sich mit der Ausbildung dauerhaft im vorderen Teil des deutschen Profifußballs halten. Ein ziemlich großer Plan für den SC von damals.

Wie sich dieser Ort für einen Jungen angefühlt hat, hat Höfler zum Jubiläum erzählt. Mit 15 verließ er Herdwangen. Beim Abschied saß er hinten im Bus, die Beine hochgelegt, und weinte. Ausgerechnet bei Chicco, den man so lange als verlässlichen Mann im Freiburger Mittelfeld erlebt hat, bleibt diese Erinnerung hängen. Auch der musste sich erst einmal von zuhause verabschieden und in Freiburg zurechtfinden. Patrick Baier half ihm dabei. Vor Streich hatte er zunächst so viel Respekt, dass er ihm lieber aus dem Weg ging. Später wurde daraus eine Zusammenarbeit, die ihn über viele Jahre prägte.

Höfler gewöhnte sich bald ein. Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, etwas Freizeit, Training: So beschreibt er seinen Alltag. Vier Jahre lebte er in der Fußballschule. Später kam die Leihe nach Aue dazu, bevor er bei den SC-Profis seinen Platz fand. Heute gibt er seine Erfahrung in der U23 weiter. Wer dort neben ihm spielt, hat jemanden auf dem Platz, der auch die Unsicherheit am Anfang kennt. Und der weiß, dass ein anderer Verein zwischendurch durchaus guttun kann.

Höfler erzählt übrigens auch, dass Oliver Sorg inzwischen selbstständiger Schreiner ist und seiner Familie ein Kinderbett angefertigt hat. Früher zusammen beim SC, später ein Kinderbett vom ehemaligen Mitspieler. Bei der Bestellung dürfte die Frage, woher man sich kennt, jedenfalls schnell erledigt gewesen sein.

Auch im Verein sind frühere Spieler längst mit anderen Aufgaben beschäftigt. Johannes Flum und Daniel Schwaab arbeiten als Verbindungstrainer zwischen Nachwuchs und Profibereich. Julian Schuster hatte diese Aufgabe selbst mehrere Jahre inne, ehe er Cheftrainer wurde. Karim Guédé ist als Scout unterwegs und schaut sich mögliche Neuzugänge an. Es ist schon schön, wenn Namen, die man vom Mannschaftsbogen kennt, Jahre später immer noch zum Arbeitsalltag des SC gehören. Und ihre Erfahrung den Spielern zugutekommt, die gerade erst ankommen.

Dazu kommen all die Trainer, Betreuer und pädagogischen Mitarbeiter, deren Namen seltener in einem Spielbericht stehen. Sie erleben die Jugendlichen auch dann, wenn es gerade nicht läuft, wenn die Schule drückt oder jemand ungeduldig wird. Rouven Tarnutzer etwa gehörte in jüngeren Jahrgängen noch keineswegs zu den herausragenden Spielern. Inzwischen steht er im Profikader. Solche Entwicklungen brauchen Leute, die genauer hinschauen und einem Jungen etwas zutrauen, bevor es für alle offensichtlich ist.

Natürlich wünschen wir uns als Fans möglichst viele dieser Geschichten. Andreas Steiert erklärt aber nachvollziehbar, warum sich die Zahl der Aufrücker nicht für jede Saison festlegen lässt. Es hängt am Jahrgang, an der Entwicklung und daran, wo oben überhaupt Platz ist. Der Sprung in diese inzwischen so starke Freiburger Mannschaft ist anspruchsvoll. Und mit einem Platz im Kader ist die Arbeit längst nicht erledigt; die jungen Spieler sollen auch zu ihren Minuten kommen. Schule, Ausbildung und persönliche Begleitung bleiben deshalb genauso wichtig für diejenigen, deren beruflicher Weg später woanders weitergeht.

Was sportlich gelungen ist, kann sich ohnehin sehen lassen. Seit der Gründung rückten nach Vereinsangaben 73 ehemalige Fußballschüler in den SC-Profikader auf. Beim Europa-League-Finale im Mai kamen acht zum Einsatz, zwei weitere saßen auf der Bank. Ein europäisches Finale mit so viel Freiburger Ausbildung auf dem Platz: Darüber darf man auch Monate später noch staunen. Bei den Einsatzminuten selbst ausgebildeter Spieler lag der SC zum Ende der Saison 2025/26 im Vergleich der fünf großen europäischen Ligen auf Rang drei, hinter Athletic Bilbao und Real Sociedad. Vor sämtlichen deutschen Vereinen in dieser Auswertung. Die Fußballschule muss sich mit ihren 25 Jahren wahrlich nicht hinter den großen Namen verstecken.

Und nun nimmt Jürgen Klopp gleich vier aktuelle SC-Profis mit zur Nationalmannschaft. Treu, Rosenfelder und Engelhardt haben Freiburger Nachwuchs- beziehungsweise U23-Vergangenheit, Scherhant entwickelt sich bei den Profis weiter. Mit Atubolu, Schlotterbeck, Schade und Baur sind außerdem vier Ehemalige dabei. Klopp sagte bei der Kadervorstellung: „Mentalität kann man nicht kaufen. Aber entwickeln und haben kann man sie. Die Freiburger haben das, die bringen das schon mit.“ Das hört man hier gerne. Zum Jubiläum ist es ein ausgesprochen passendes Lob.

Am schönsten bleibt an diesem Wochenende trotzdem das Wiedersehen. Finke, Streich, Baier, die früheren Spieler und die vielen Geschichten, die mit ihnen zurückkommen. Man darf bei Reisinger und Matmour hängen bleiben, über alte Aufstellungen reden und sich anschließend auf die nächste Freiburger Mannschaft freuen. Irgendwer spielt heute im Nachwuchs, dessen Namen wir in ein paar Jahren ständig rufen werden. Wer das sein wird, wissen wir noch nicht. Im Mösle wird längst daran gearbeitet.

Weitersagen

Hat dir der Beitrag gefallen?

Dann zeig ihn deinen Freunden.

Die Debatte

Kommentare

Beiträge erscheinen nach redaktioneller Freigabe – chronologisch, ohne Bewertung oder Sortierung.

Kommentare werden geladen …

Kommentar einreichen

Mit dem Absenden wird der Kommentar zunächst nur der Redaktion angezeigt.

Weitersagen

Hat dir der Beitrag gefallen?

Dann zeig ihn deinen Freunden.

Die Debatte

Kommentare

Beiträge erscheinen nach redaktioneller Freigabe – chronologisch, ohne Bewertung oder Sortierung.

Kommentare werden geladen …

Kommentar einreichen

Mit dem Absenden wird der Kommentar zunächst nur der Redaktion angezeigt.