Analyse
Mehr als ein Neuzugang: Wie Engelhardt das Freiburger Mittelfeld neu ordnet
Auf den ersten Blick scheint die Sache schnell erklärt. Mit Nicolas Höflers Wechsel aus der ersten Mannschaft kehrt Yannik Engelhardt zum SC Freiburg zurück und übernimmt dessen Platz im Kader. Ein defensiver Mittelfeldspieler geht, ein anderer kommt. Die Planstelle bleibt besetzt.
So einfach dürfte es allerdings nicht werden.
Denn Engelhardt kehrt nicht nach Freiburg zurück, um nur eine Lücke zu schließen. Dafür ist seine Rolle zu groß gedacht – und die Wirkung seiner Rückkehr reicht deutlich weiter in das bestehende Mittelfeld hinein. Sie betrifft Maximilian Eggestein ebenso wie Patrick Osterhage und Rihito Yamamoto. Vor allem aber eröffnet sie Julian Schuster deutlich mehr Möglichkeiten, seine Doppelsechs zusammenzustellen.
Höfler hinterlässt zunächst eine funktionale Lücke. Mit seinem Wechsel aus der ersten Mannschaft verliert der SC einen Spieler, der über Jahre vor der Abwehr Räume geschlossen, Zweikämpfe geführt und dem Freiburger Spiel Struktur gegeben hat. In seinen letzten Jahren war er längst nicht mehr in jeder Partie gesetzt. Trotzdem blieb seine Rolle klar. Wenn defensive Ordnung, Erfahrung und Kontrolle gefragt waren, wusste jeder, was Höfler der Mannschaft geben konnte.
Engelhardt soll einen Teil davon übernehmen. Er ist eher auf der defensiven Seite des zentralen Mittelfelds zu Hause, kann vor der Abwehr absichern und das Spiel aus einer tieferen Position ordnen. Ihn deshalb auf einen reinen Abräumer zu reduzieren, würde seiner Rückkehr allerdings nicht gerecht werden.
Vielleicht wird genau dort unterschätzt, warum Freiburg ihn zurückgeholt hat.
Denn Engelhardt bringt nicht nur defensive Stabilität mit. Er soll das Spiel strukturieren, ohne es langsamer zu machen, und aus einer geordneten Position selbst Akzente nach vorne setzen können.
Damit beginnt die eigentliche Geschichte dieses Transfers.
Denn bisher war Maximilian Eggestein im Freiburger Zentrum der Spieler, an dem kaum ein Weg vorbeiführte. Er gab dem Spiel Ruhe, hielt Positionen und war über lange Phasen einer Saison zuverlässig verfügbar. Gerade solche Spieler fallen selten spektakulär auf. Ihre Bedeutung zeigt sich oft erst dann, wenn sie fehlen.
Mit Engelhardt bekommt Eggestein nun nicht einfach einen Ersatzmann an die Seite gestellt.
Er bekommt Konkurrenz.
Diese Konkurrenz betrifft allerdings nicht nur zwei Spieler. Sie verändert die Statik des gesamten Freiburger Mittelfelds.
Wie ernst dieser Konkurrenzkampf wird, lässt sich vor der Vorbereitung nicht beantworten. Es wäre ebenso vorschnell, Eggesteins Platz infrage zu stellen, wie Engelhardt lediglich als Absicherung einzuordnen. Beides ist möglich: Einer von ihnen kann sich als defensiver Fixpunkt durchsetzen – oder beide spielen gemeinsam.
Eine Doppelsechs aus Eggestein und Engelhardt wäre vermutlich die kontrollierteste Freiburger Variante. Zwei Spieler, die Positionen halten, dem Spiel Struktur geben und die Räume vor der Abwehr schließen können. Gerade gegen starke Gegner liegt diese Kombination nahe.
Sie wirft aber auch eine Frage auf: Wer sorgt dann für die Bewegung nach vorne?
Hier kommen Osterhage und Yamamoto ins Spiel. Beide bringen andere Qualitäten mit. Sie stoßen dynamischer aus dem Zentrum nach vorne, laufen Räume an und geben dem Spiel mit Ball mehr Tempo. Übernimmt Engelhardt oder Eggestein den defensiveren Part, entsteht neben ihnen Platz für einen Spieler, der größere Freiheiten erhält.
Damit verändert Engelhardt auch ihre Rollen. Osterhage und Yamamoto müssen nicht mehr in jeder Konstellation gleichzeitig absichern, aufbauen und nach vorne spielen. Ihre Aufgaben könnten klarer verteilt werden. Einer hält die Ordnung, der andere verleiht dem Spiel Dynamik.
Auf dem Papier klingt das nach einer sauberen Aufteilung.
Fußball hält sich nur selten dauerhaft an Papier.
Genau darin könnte der eigentliche Plan des SC liegen.
Engelhardt soll schließlich selbst mehr sein als der Mann für die Ordnung. Seine strukturgebenden Fähigkeiten sind bekannt, seine offensiven Möglichkeiten sollen künftig stärker zur Geltung kommen. Für Schuster entsteht dadurch ein neuer Spielraum. Er bekommt keinen Spezialisten für eine einzige Aufgabe, sondern einen Mittelfeldspieler, dessen Rolle sich je nach Partner und Gegner verändern kann.
Neben Eggestein könnte Engelhardt mutiger nach vorne rücken. Neben Osterhage oder Yamamoto kann er tiefer bleiben und absichern. Selbst innerhalb eines Spiels könnten sich diese Aufgaben verschieben. Die Freiburger Doppelsechs wäre dann weniger eine starre Rollenverteilung als ein bewegliches System.
Dass Schuster Engelhardts Rückkehr aktiv unterstützt hat, passt dazu. Er kennt ihn noch aus dessen erster Freiburger Zeit und dürfte ziemlich genau wissen, welchen Spielertyp der SC zurückholt. Engelhardt kennt umgekehrt den Verein, die Anforderungen und große Teile des Umfelds. Er muss sich nicht erst grundsätzlich an Freiburg gewöhnen. Trotzdem kommt er als anderer Spieler zurück – mit mehr Erfahrung, mehr Verantwortung und dem Anspruch, diesmal eine größere Rolle einzunehmen.
Im Hintergrund bleibt mit Rouven Tarnutzer zudem eine spannende Entwicklungsperspektive. Genau dafür ist der Kader inzwischen breit genug. Tarnutzer kann den nächsten Schritt gehen, wenn er bereit ist – nicht weil der SC ihn schon heute braucht.
Eine klare Stammelf ergibt sich daraus trotzdem noch nicht.
Genau darin liegt die eigentliche Veränderung.
Schuster muss im Zentrum künftig nicht mehr nur entscheiden, wer spielt. Er kann stärker danach auswählen, wie seine Mannschaft spielen soll. Mehr Kontrolle mit Eggestein und Engelhardt. Mehr Dynamik mit Osterhage oder Yamamoto. Mehr Absicherung oder mehr Mut. Vielleicht entstehen in der Vorbereitung sogar Kombinationen, die heute noch gar nicht naheliegen.
Engelhardt ersetzt Höfler damit nicht einfach. Er übernimmt dessen Platz im Kader, verändert aber gleichzeitig die Bedeutung der Plätze daneben.
Das Freiburger Mittelfeld ist durch seine Rückkehr nicht automatisch besser. Dafür muss Engelhardt seine Rolle erst finden, und auch die neuen Kombinationen müssen sich auf dem Platz beweisen. Es ist aber breiter, flexibler und schwerer auszurechnen geworden.
Vielleicht wird deshalb gar nicht Engelhardt selbst der größte Gewinn dieser Verpflichtung. Sondern die neue Freiheit, die er Julian Schuster verschafft. Gerade mit Bundesliga, DFB-Pokal und Conference League vor der Brust dürfte diese zusätzliche Flexibilität im zentralen Mittelfeld noch wertvoller werden.




Kommentare werden geladen …