Chronik
Die SCF Chroniken Teil 2
Vorwort: Warum wir über die Vergangenheit sprechen müssen
Als Fan des SC Freiburg ist man es gewohnt, Erfolge zu feiern, über Taktik zu philosophieren und die Identität unseres Vereins zu zelebrieren. Doch eine echte Identität braucht nicht nur die Glanzmomente, sondern auch den Blick in die dunklen Kapitel.
Wenn wir heute auf die Jahre 1933 bis 1945 blicken, tun wir das nicht, um den Verein an den Pranger zu stellen oder um „Böses“ zu unterstellen. Es geht mir darum, die Geschichte so zu sehen, wie sie wirklich war – und nicht, wie wir sie uns vielleicht in einer bequemen „Opfer-Legende“ zurechtgelegt haben. Dass sich der Sport-Club damals den politischen Entwicklungen seiner Zeit genauso aussetzen musste wie jeder andere Verein im Deutschen Reich, ist ein historischer Fakt. Wir waren kein isoliertes Phänomen; fast jeder Fußballverein war von der Gleichschaltung und den Zwängen des NS-Regimes betroffen.
In den folgenden Zeilen stütze ich mich daher nicht auf erfundene Mythen, sondern auf belegbare historische Fakten. Für mich ist diese Aufarbeitung kein Selbstzweck. Sie ist das Fundament, auf dem unser heutiges Selbstverständnis ruht. Wer seine eigene Geschichte – auch die unangenehmen Seiten der Anpassung, der Mitverantwortung und der Verdrängung – versteht, der kann umso stolzer darauf sein, wofür der SC Freiburg heute als Antidiskriminierungs-Verein einsteht.
Ich lade euch ein, diesen Weg mit mir zu gehen – ohne Scheuklappen, aber mit der Liebe zum Verein, die uns alle verbindet.
Quelle: scfreiburg-museum.de
Teil 2.1 – Der Mythos vom unschuldigen Arbeiterverein (1933–1939)
Wenn man heute in der 75-Jahre-Festschrift des SC von 1979 blättert, fühlt man sich ein bisschen wie bei einer Geschichtsstunde, in der der Lehrer nur bis zur Tür kommt und dann sagt: „Der Rest ist nicht so wichtig.“ Das Schweigen in diesem Dokument ist ohrenbetäubend. Es ist das Schweigen einer ganzen Generation, die den SC Freiburg lieber als unschuldigen, widerständigen Arbeiterverein im Gedächtnis behalten wollte, als sich der unangenehmen Wahrheit zu stellen.
1933: Die „Gleichschaltung“ und der eilfertige Gehorsam
Als 1933 die politische Wetterfahne in Deutschland auf stürmisch drehte, brauchte der Sport-Club beim Kurswechsel wenig Anlauf. Die „Gleichschaltung“ des Vereins im Mai 1933 war keine bloße Notwendigkeit, um nicht in einem Graben zu landen – sie war ein bereitwilliges Angebot. An die Spitze hievte man den NSDAP-Stadtrat Ludwig Sieder. Es ist schon eine besondere Art von „Widerstand“, sich freiwillig einen Parteisoldaten als Vereinsführer zu wählen.
Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Während die Vereinsführung später den Mythos pflegte, man sei ein Bollwerk gegen die Nazis gewesen, belegen die Akten, dass man beim Geldsegen der Nazis durchaus zugegriffen hätte – wenn man ihn denn bekommen hätte. Die Realität war jedoch bitter: Die NS-Stadtverwaltung kürzte die Zuschüsse für den Sport massiv, um das Geld in die „Wehrsport“-Kassen von SA und Stahlhelm zu pumpen. Der ironische Höhepunkt: Ludwig Sieder, als SC-Vorsitzender eigentlich in der Pflicht, sein Team zu schützen, unterschrieb diesen Antrag zur Kürzung der eigenen Vereinsmittel höchstpersönlich. Ein Paradebeispiel für die „ideologische Nähe“, die in Teilen der bürgerlichen Funktionärsebene herrschte.
Das Fusions-Theater: Wenn Stolz wichtiger ist als Prinzip
Ein besonders amüsantes (im Sinne von: grotesk-absurd) Kapitel der SC-Geschichte ist der gescheiterte Fusionsplan mit dem FFC. Die Nazis, die ja alles vereinheitlichen wollten, was nicht bei drei auf dem Baum war, wollten SC und FFC zwangsverheiraten.
Was heute oft als heldenhafter Widerstand gegen die NS-Diktatur umgedeutet wird, war in Wahrheit ein klassischer Freiburger Kleinkrieg. Der SC wehrte sich nicht, weil er die Ideologie der Nazis verabscheute, sondern weil er schlicht und ergreifend nicht der „Juniorpartner“ der FFC-Bonzen sein wollte. Und natürlich, weil der FFC so vornehm-bürgerlich war, dass die SC-Spieler die höheren Mitgliedsbeiträge schlicht nicht hätten bezahlen können. Der SC blieb also „widerständig“ – vor allem aus Stolz und Geldnot. Als man dann versuchte, mit den „Sportfreunden Stühlinger“ zu fusionieren, um sich vor dem FFC zu retten, zeigten einem die Sportfreunde die kalte Schulter, weil der SC damals finanziell ein Trümmerhaufen war. Das Schicksal hat manchmal einen sehr trockenen Humor.
Der Mythos vom steinewerfenden SC
Kommen wir zur Legende, die sich hartnäckiger hält als ein Kaugummi am Schuh: Der Abriss des Wintererstadions (1936/37) als politischer Racheakt. Wie schön wäre die Vorstellung: SC-Fans werfen Steine auf Hitlers Konvoi, und als Strafe wird das Stadion plattgemacht. Es ist eine heroische Geschichte, die leider keinen Funken Wahrheit enthält.
Die Realität war schnöde militärische Aufrüstung. Das Stadion stand schlicht dem Ausbau des Flughafens im Weg, der für die Ausbildung von Nachwuchsfliegern gebraucht wurde. Das „starke Flughindernis Wintererstadion“ musste weg, weil die Nazis im Luftkrieg aufrüsteten. Die Stadtverwaltung verhielt sich dabei wie ein schlechter Vermieter: Kalt, bürokratisch und jede Entschädigung verweigernd. Wer braucht schon eine Vereinsgeschichte, wenn man einen Flugplatz braucht?
Der „Gang nach Canossa“ zur Turnerschaft
Am Ende blieb 1938 nur die Eingliederung in die Freiburger Turnerschaft (FT 1844). Eine Zwangsehe, wie sie im Buche steht. Man beschwor auf der Mitgliederversammlung zwar lautstark die „Einigkeit“ unter dem Hakenkreuz, aber hinter den Kulissen krachte es gewaltig. Die Turnerschaft übernahm die Schulden des SC, doch die Stadt Freiburg blieb unversöhnlich und verweigerte selbst dann Zuschüsse für die Übungsplätze, als die Vereine unter einem Dach waren. Die Begründung? Man habe schließlich die FFC-Fusion verweigert. Ein wunderbares Beispiel für die „Effizienz“ der NS-Lokalpolitik, die lieber Sportanlagen verrotten ließ, als einen unbequemen Verein zu fördern.
Fazit: Wenn wir die Jahre 1933 bis 1939 betrachten, müssen wir uns von der bequemen Vorstellung verabschieden, der SC Freiburg sei ein reiner Widerstandsklub gewesen, der vom NS-Regime nur „bestraft“ wurde. Die historische Realität war weitaus profaner: Es war eine Mischung aus proaktiver Anpassung, der Sorge um das eigene Überleben und einer bürgerlichen Funktionärsebene, die sich ideologisch mehr als nur ein Stück weit im Fahrwasser des neuen Regimes bewegte. Der „Widerstand“, den wir uns heute gerne in die Vereinsgeschichte dichten, war oft schlicht der Kampf um den eigenen sportlichen Fortbestand – und nicht der Kampf gegen die Diktatur selbst.
Schluss:
Das ist keine leichte Kost, aber sie ist notwendig, um unsere Wurzeln ehrlich zu verstehen. Hättet ihr gedacht, dass die Geschichte hinter dem Stadionabriss und der Fusions-Absage so viel weniger heldenhaft ist, als es die alten Mythen lange Zeit glauben machen wollten? Ich bin gespannt auf eure Meinung – wusstet ihr von diesen Hintergründen, oder hat euch diese „andere“ Sichtweise genauso überrascht wie mich? Schreibt es in die Kommentare.
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