Chronik · Kapitel 2

Der Sport-Club zwischen Krieg, Verlust und Aufbruch (1913–1932)

← Kapitel 1: 1904–1912

Zwanzig Jahre können in einer Vereinsgeschichte eine gemütliche Strecke sein. Ein paar Aufstiege, ein paar Abstiege, neue Trikots, neue Namen im Vorstand und irgendwann ein Jubiläum, bei dem sich alle darüber streiten, ob es nun das zwanzigste oder doch schon das einundzwanzigste Jahr ist. Für den Sport-Club Freiburg waren die Jahre von 1913 bis 1932 nichts davon. Der Verein war kaum gegründet, da riss der Erste Weltkrieg Spieler, Funktionäre und Zuschauer aus dem Alltag. Sein Platz wurde zu Kriegsgärten. Nach 1918 wuchs der SC erstaunlich schnell, blieb aber lange ohne eigenes Zuhause, suchte Schutz unter einem größeren Dach, löste sich wieder daraus und arbeitete schließlich an einem Stadion, das mehr war als vier Linien und zwei Tore.

Diese Zeit ist auch keine bloße Vorhalle zu 1933. Wer sie nur vom Ende her liest, macht es sich zu einfach. Der SC der Weimarer Jahre war ein lebendiger, wachsender und sozial gemischter Verein. Er bot Gemeinschaft, Sport und Jugendpflege, baute eine eigene Öffentlichkeit auf und feierte 1928 einen Sieg, der sich wie der erste große Freiburger Fußballtag anfühlen musste. Gleichzeitig entwickelte sich in Rundschau, Totengedenken und Erziehungsidealen eine Sprache, in der Gemeinschaft und Fairness neben Wehrhaftigkeit, Opferbereitschaft und nationaler Erziehung standen. Das war noch keine Gleichschaltung und machte aus dem Sport-Club keinen nationalsozialistischen Verein. Aber es gehörte zu einem Milieu, das nicht so unpolitisch war, wie es seine Satzung gern behauptete.

1. Ein Verein, kaum gegründet – und schon im Krieg

1912 hatten sich Sportverein 04 und FC Union zum Sport-Club Freiburg zusammengeschlossen. Im Jahr darauf begann also eigentlich das, was man einen normalen Vereinsalltag nennen könnte: Mannschaften aufstellen, Spiele organisieren, Beiträge einsammeln, Plätze herrichten und nebenbei versuchen, den Laden zusammenzuhalten. Viel ist über diesen Alltag nicht so dicht überliefert, dass man daraus eine hübsche Saisonerzählung bauen sollte. Sicher ist: Der junge SC hatte gerade erst begonnen, gemeinsame Strukturen und eine gemeinsame Identität zu entwickeln.

Ein Foto aus dem späteren Rückblick zeigt den Sport-Club an Ostern 1914 auf einer Italienreise. Solche Reisen waren mehr als touristisches Beiwerk. Sie gehörten zur sportlichen und gesellschaftlichen Selbstdarstellung eines Vereins, der über Freiburg hinaus Kontakte suchte und sich als Teil einer größeren Fußballwelt verstand. Wenige Monate später war diese Welt zerbrochen. Mit dem Kriegsbeginn wurden Spieler und Vereinsmitglieder eingezogen; andere meldeten sich freiwillig. Der regelmäßige Spielbetrieb vieler Freiburger Vereine brach zusammen.

Auch beim SC und beim Freiburger FC verschwand der Fußball nicht völlig. Schülerabteilungen, jüngere Spieler und zeitweise verfügbare Heimaturlauber ermöglichten einen reduzierten Betrieb. Das klingt im Rückblick leicht nach jener beliebten Geschichte, wonach der Ball selbst in der Katastrophe unbeirrt weiterrollt. Genau so sollte man es nicht erzählen. Gespielt wurde, wenn Menschen, Wege, Plätze und militärische Vorgaben es zuließen. Der Fußball war keine Gegenwelt zum Krieg, sondern von ihm abhängig und durch ihn beschädigt.

Zwei historische Mannschaftsfotos: oben der SC in Italien an Ostern 1914, unten die Meistermannschaft 1923/24.Bild vergrößern ↗

Rückblicke in der Fest-Ausgabe von 1924: oben der Sport-Club auf seiner Italienreise an Ostern 1914, unten die erste Mannschaft als Kreisliga-Meister 1923/24.

SC Freiburg Museum / Rundschau 1924, unpaginierte Bildseite.Nutzung im Rahmen der für das Projekt dokumentierten Museumserlaubnis; Originaldatei unverändert übernehmen.

2. Als aus dem Fußballplatz Kriegsgärten wurden

Im Frühjahr 1917 traf der Krieg den Verein an einer Stelle, die für einen Fußballklub kaum materieller sein könnte: bei seinem Platz. Die Eschholzmatten wurden auf städtische Anordnung in Kriegsgärten umgewandelt. Grundlage unserer Kenntnis ist dabei keine frisch aufgefundene Verwaltungsakte aus dem Jahr 1917, sondern die von Neisen und Lehmann ausgewertete Vereinsüberlieferung, darunter Hermann Bücheles Rückblick von 1927 und spätere Darstellungen des SC. Die Überlieferungsnähe ist also zu benennen, ohne die Grundlinie deshalb kleinzureden.

Die Ursache war die Versorgungskrise. Flächen, auf denen zuvor Fußball gespielt worden war, sollten Lebensmittel hervorbringen. Für den Verein bedeutete das den Verlust seines Zuhauses; für die Stadt war es eine Entscheidung in einer Notlage. Beides gehört zusammen. Wer nur vom „weggenommenen Sportplatz“ spricht, sieht die Geschichte durch das Schlüsselloch des Vereinsheims. Lebensmittelversorgung schlug Fußball, weil sie schlagen musste.

Damit begann eine Platzfrage, die den SC weit über das Kriegsende hinaus beschäftigen sollte. Ein Verein kann ohne Geschäftsstelle improvisieren, ohne vollständigen Vorstand eine Weile stolpern und zur Not auch Trikots mehrfach flicken. Ohne nutzbare Spielfläche wird aus Improvisation aber schnell Stillstand. Der Verlust der Eschholzmatten war deshalb keine kleine Episode, sondern eine Zäsur, deren Folgen bis zum Wintererstadion reichten.

3. Gemeinsam mit dem Rivalen

Ab August 1917 bildeten der Sport-Club und der Freiburger FC eine gemeinsame Kriegsmannschaft. Das war weder eine romantische Versöhnung zweier Rivalen noch der Beweis für eine angeblich ewige Feindschaft, die plötzlich Pause machte. Es war eine zweckmäßige Antwort auf Spielermangel und auf die Gefahr, dass die noch verfügbaren Fußballer zu anderen Klubs abwanderten. Gemeinsam ließ sich überhaupt noch eine konkurrenzfähige Mannschaft stellen.

Sportlich war dieses Bündnis erfolgreich. Entscheidend ist aber weniger eine nachträglich glänzend polierte Bilanz als die Konstruktion selbst: Zwei eigenständige Vereine hielten unter außergewöhnlichen Bedingungen gemeinsam einen Restbetrieb aufrecht. Nach Kriegsende wurde die Spielgemeinschaft sofort wieder aufgelöst. Der Zweck war erfüllt, die Vereine gingen getrennte Wege.

Gerade weil der FFC in der Freiburger Fußballgeschichte häufig als großer Nachbar und Rivale erscheint, lohnt hier die nüchterne Genauigkeit. 1917 saß man im selben Boot, weil kaum noch genügend Leute zum Rudern da waren. Daraus muss man weder Freundschaft noch Feindschaft dichten. Die Kriegsmannschaft erzählt von Notwendigkeit, nicht von einem sentimentalen Burgfrieden.

4. Dreiundvierzig Namen und die Politik der Erinnerung

Der Krieg endete, seine Toten kehrten nicht zurück. Die Festschrift von 1929 nennt 43 gefallene Mitglieder des Sport-Clubs: Erwin Angst, Stefan Baldinger, Josef Braun, Arthur Bühler, Hermann und Matthias Däschle, Hermann Duffner, Ernst Eckert, Hermann Federer, Emil Fritsch, Fritz Ganter, Josef Gessler, Friedrich Gross, Franz Huck, Otto Jahberg, Gustav Kaiser, Franz und Fritz Kälber, Hermann Kleber, Franz Klein, Josef Klotz, Hermann Kuhnweiler, Josef Macklot, Franz Matt, Max Morlock, Albert Münch, Hans Obermeier, Josef Platzgummer, Adolf Rees, Ernst und Otto Scherb, Emil und Otto Schlager, Willi Schley, Gustav Schmieder, Rudolf Schober, Adolf Sebald, August Stritt, Josef Willoth, Karl Zander, Josef und Karl Zimmermann sowie Karl Zwirner.

Die Liste ist am Museumsoriginal und an der Buchabbildung abgeglichen. Sie nennt Namen, aber sie erzählt keine 43 vollständigen Lebensgeschichten. Wir wissen aus dieser Seite nicht, wie jeder Einzelne zum Verein kam, welche Rolle er dort spielte oder unter welchen Umständen er starb. Deshalb darf die Genauigkeit der Transkription nicht mit einer Genauigkeit verwechselt werden, die die Quelle gar nicht hergibt.

Ebenso wichtig ist die Form der Erinnerung. Die Festschrift erschien elf Jahre nach Kriegsende und sprach in der heroischen Sprache ihrer Zeit. Der Gedenkstein im Wintererstadion und die Wendung vom „Feld der Ehre“ machten aus individuellen Verlusten eine gemeinschaftliche Opfererzählung. Das Leid war real; seine spätere Deutung war politisch und kulturell geprägt. Neisen und Lehmann zeigen, wie solche Formen des Gefallenenkults Zugehörigkeit stifteten und zugleich militärische Opferbereitschaft adelten.

Es wäre falsch, daraus im Rückwärtsgang eine fertige nationalsozialistische Weltanschauung zu machen. Genauso falsch wäre es, die Sprache als bloßen Zierrat einer Gedenkseite abzutun. Der Verein erinnerte seine Toten nicht neutral. Er gab ihrem Tod einen Sinn, der zu den nationalen und männlichen Gemeinschaftsvorstellungen der Zwischenkriegszeit passte. Darin liegt die historische Bedeutung der Seite.

Gedenkseite der SC-Festschrift von 1929 mit Namen verstorbener Vereinsmitglieder und einer Abbildung des Gedenksteins.Bild vergrößern ↗

Die Festschrift von 1929 erinnert an die im Ersten Weltkrieg gestorbenen Vereinsmitglieder. Ihre heroische Sprache ist Teil der damaligen Erinnerungskultur.

SC Freiburg Museum / Festschrift 1929.Nutzung im Rahmen der für das Projekt dokumentierten Museumserlaubnis; keine künstliche Kolorierung.
Namensfelder vergrößert anzeigen

5. Nach dem Krieg groß – aber heimatlos

Nach 1918 begann kein einfacher Neustart. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen blieben, und der SC stand weiterhin ohne verlässliche eigene Anlage da. Trotzdem wuchs er schnell. Neisen und Lehmann nennen für die Zeit nach dem Krieg 18 Erwachsenen- und Jugendmannschaften. Diese Zahl stammt aus der ausgewerteten Überlieferung und zeigt vor allem die Größenordnung: Aus dem jungen Zusammenschluss von 1912 war innerhalb weniger Jahre ein Verein geworden, der viel mehr organisieren musste als eine erste Mannschaft.

Wachstum löst allerdings selten Platzprobleme. Meist macht es sie größer. Der zeitweilige Anschluss an die Freiburger Turnerschaft war deshalb eine organisatorische Lösung. Der Sport-Club fand ein Dach, ohne darin völlig zu verschwinden: Vorstand und Geschäftsstelle blieben bestehen. Es ging um Absicherung und Infrastruktur, nicht um die freiwillige Aufgabe jeder Eigenständigkeit.

Wie eng Autonomie und Platzfrage zusammenhingen, zeigt das Pachtgesuch an der Hugstetter Straße. In einem Schreiben vom 20. Mai 1921 trat der FT-Sportclub an den Freiburger Stadtrat heran. Das Vorhaben scheiterte, weil die Fläche weiterhin für die Lebensmittelversorgung gebraucht wurde. Wieder stand der Fußball hinter einem Grundbedürfnis zurück. Vier Jahre nach den Kriegsgärten war das keine Wiederholung derselben Entscheidung, aber dieselbe harte Rangordnung: Erst musste die Stadt ihre Versorgung sichern, dann konnte man über Sportflächen reden.

Der Anschluss an die Turnerschaft gab dem SC vorübergehend organisatorischen Halt. Auf Dauer löste er die Kernfrage nicht. Ein wachsender Fußballverein wollte über seine sportliche Richtung, seine Finanzen und seine Anlage selbst entscheiden. Wer für jede Platzfrage unter einem fremden Dach vorsprechen muss, bleibt Gast – auch wenn das Namensschild an der Bürotür hängen darf.

6. Zurück in die Selbstständigkeit

In den frühen 1920er-Jahren löste sich der Sport-Club wieder aus der Verbindung mit der Freiburger Turnerschaft. Dahinter stand mehr als Vereinsstolz. Der SC hatte Mannschaften, Jugend, Funktionäre und wachsende Aufgaben. Er brauchte eine Organisation, die zu seinem tatsächlichen Umfang passte. Die Rückkehr in die Selbstständigkeit war deshalb ein Schritt vom provisorisch abgesicherten Nachkriegsverein zu einem Klub, der seine Entwicklung selbst steuern wollte.

Dabei sollte man den SC nicht vorschnell zum Arbeiterverein erklären. Die soziale Zusammensetzung war gemischt, das Funktionärsmilieu nach der Forschung von Neisen und Lehmann jedoch überwiegend kleinbürgerlich und mittelständisch. Das Vorstandsfoto von 1924 zeigt 19 Männer – 13 stehend, sechs sitzend – und liefert eine namentliche Zuordnung. Berufe lassen sich aus einem Foto selbstverständlich nicht ablesen; dafür braucht es weitere Quellen. Aber schon die Vereinsorganisation, die lokale Vernetzung und die Sprache der Rundschau passen nicht zu einer einfachen Erzählung vom proletarischen Gegenklub.

Historische Seite mit dem Gruppenfoto des SC-Vorstands von 1924 und darunter gedruckten Namen.Bild vergrößern ↗

Der Vorstand im Jubiläumsjahr 1924. Die Rundschau zeigt das Gruppenfoto mit einer namentlichen Zuordnung der stehenden und sitzenden Mitglieder.

SC Freiburg Museum / Rundschau 1924, unpaginierte Bildseite.Nutzung im Rahmen der dokumentierten Museumserlaubnis; keine Berufsangaben aus dem Foto ableiten.

Sportlich kam Bewegung in die Sache. Die erste Mannschaft wurde 1923/24 Kreisliga-Meister von Südbaden und stieg in die Bezirksliga auf. Die Fest-Ausgabe der Rundschau setzte ihr eine Porträttafel – nicht bloß als Erinnerung an elf Fußballer, sondern als sichtbares Zeichen, dass der Verein wieder sportlichen Anspruch entwickelte. Solche Tafeln sind immer auch Selbstinszenierung. Das macht sie nicht unbrauchbar, sondern interessant: Der SC zeigte, worauf er stolz war und wie er gesehen werden wollte.

Porträttafel der ersten SC-Mannschaft mit Spielernamen und einer Inschrift zu Meisterschaft und Aufstieg 1923/24.Bild vergrößern ↗

Die Fest-Ausgabe der Rundschau von 1924 würdigt die erste Mannschaft als Kreisliga-Meister von Südbaden und ihren Aufstieg in die Bezirksliga 1923/24.

SC Freiburg Museum / Rundschau 1924, unpaginierte Bildtafel.Nutzung im Rahmen der dokumentierten Museumserlaubnis; die Dateinummer ist keine gedruckte Seitenzahl.

7. Eine Rundschau erfindet Vereinsöffentlichkeit

Historische Titelseite der Fest-Ausgabe der SC-Rundschau aus dem Jahr 1924.Bild vergrößern ↗

Titel der Fest-Ausgabe der SC-Rundschau von 1924. Die Vereinszeitschrift verband Nachrichten, Anzeigen und historische Selbstdeutung.

SC Freiburg Museum / Rundschau 1924, unpaginierter Umschlag.Nutzung im Rahmen der dokumentierten Museumserlaubnis; Originaldatei unverändert übernehmen.

Seit Ende 1923 besaß der SC mit seiner Rundschau etwas, das heute fast selbstverständlich wirkt: ein eigenes Medium. Damals war das eine erhebliche organisatorische Leistung. Die Zeitschrift berichtete aus dem Vereinsleben, ordnete Termine und Zuständigkeiten, zeigte Mannschaften, druckte Anzeigen und erklärte den Mitgliedern, was man von ihnen erwartete. Sie war Nachrichtenblatt, Schaufenster, Erziehungsinstrument und Gedächtnis in einem.

Gerade deshalb ist sie eine großartige und zugleich heikle Quelle. Eine Jubiläumsausgabe von 1924 erzählt nicht unmittelbar, wie es 1904 wirklich gewesen war. Sie zeigt, wie der Verein zwanzig Jahre später auf seine Anfänge blickte. Erinnerung und historische Tatsache sind nicht dasselbe. Wer die Rundschau liest, hört den Verein über sich selbst sprechen – manchmal präzise, manchmal feierlich, gelegentlich wohl auch mit jener Großzügigkeit, die Jubiläen gegenüber den eigenen Leistungen entwickeln.

Die Seiten zeigen außerdem, wie eng Vereinsorganisation und lokale Geschäftswelt verbunden waren. Vorstandsämter stehen neben Anzeigen für Gastronomie, Hüte und Tabakwaren. Das ist kein nebensächlicher Schmuck. Die Rundschau brauchte Inserenten; Geschäfte suchten Kundschaft; Mitglieder sollten sich als Teil eines lokalen Netzes verstehen. Der Verein war kein abgeschlossener Sportraum, sondern in die städtische Ökonomie eingebunden.

Eine Rundschau-Seite mit der Liste der Vorstandsämter, eingerahmt von Anzeigen für Gastronomie, Hüte und Tabakwaren.Bild vergrößern ↗

Vereinsorganisation und lokale Geschäftswelt nebeneinander: Vorstandsämter und Anzeigen in der Fest-Ausgabe der Rundschau von 1924.

SC Freiburg Museum / Rundschau 1924, gedruckte Seite 4.Nutzung im Rahmen der dokumentierten Museumserlaubnis.

Mit dem eigenen Blatt entstand auch eine eigene Öffentlichkeit. Der SC konnte Erfolge gewichten, Verhalten loben oder tadeln und eine gemeinsame Geschichte formulieren. Wer ein Vereinsmedium kontrolliert, entscheidet noch nicht über die Welt. Aber er entscheidet ziemlich wirksam darüber, was im Klub als erinnerungswürdig gilt. Die Rundschau machte aus vielen Mannschaften und Abteilungen ein gemeinsames „Wir“ – lange bevor Internetseiten jeden Trainingsbericht in fünf Minuten veröffentlichen konnten.

8. Der Verein bekommt wieder Boden unter die Füße

1925 erhielt der Sport-Club zwei Übungsfelder auf dem ehemaligen Exerzierplatz. Die einschlägige Korrespondenz mit der Stadtverwaltung ist im Freiburger Stadtarchiv überliefert. Nach Jahren der Platznot war das ein Fortschritt, aber noch kein fertiges Stadion. Übungsfelder schaffen Trainingsmöglichkeiten; sie ersetzen nicht automatisch eine Anlage mit Zuschauerbereichen, Umkleiden und verlässlicher Nutzung.

Die Lage war zudem von Nachbarschaft und Kooperation geprägt. Auf dem ehemaligen Exerzierplatz lagen Flächen mehrerer Vereine. Der SC arbeitete beim späteren Stadionprojekt mit dem Polizeisportverein zusammen. Das Bild vom Verein, der allein mit Schaufel und Idealismus aus einer Wiese ein Stadion zaubert, wäre hübsch, aber zu glatt. Es brauchte städtische Entscheidungen, Verhandlungen, Geld, Partner und sehr viel Vereinsarbeit.

Auch die Finanzierung war kein Nebenthema. Rundschau und Festschrift berichten über Platz- und Finanzkommission, Fonds und Darlehen. Adolf Sackmann wird in der Forschung mit einem Darlehen von 5.000 Mark genannt; solche Beträge gehören nicht als frei schwebende Heldengeschichte in den Text, sondern nur mit klarer Zuschreibung an die überlieferten Fundstellen. Sicher ist die Grundlinie: Der Verein musste Mittel mobilisieren und seine Mitglieder für das Projekt gewinnen. Das Wintererstadion fiel nicht vom Himmel. Es wurde verhandelt, finanziert und erarbeitet.

Schematische Karte mit Bahnlinie links, Wintererstadion rechts oben und zwei hervorgehobenen SC-Übungsfeldern zwischen weiteren Vereinsflächen. Das zweite Feld rechts neben den Sportfreunden ist schraffiert, weil seine Zuordnung aus der Buchlegende stammt.Bild vergrößern ↗

Sportflächen auf dem ehemaligen Exerzierplatz: schematische Darstellung nach dem städtischen Plan vom Dezember 1931. Die Zuordnung des zweiten SC-Übungsfeldes folgt ergänzend der Bildlegende bei Neisen/Lehmann.

Sachgrundlage: Stadtarchiv Freiburg, D. Ga. 28, Nr. 4, Plan Dezember 1931; ergänzende Feldzuordnung: Neisen/Lehmann, Spielball der Ideologie, S. 26. Eigene schematische Darstellung.eigenständig gestaltete Sachgrafik; keine Reproduktion des Archivplans oder der Buchabbildung. Kein maßstäblicher Lageplan und keine Darstellung des Zustands von 1925.

9. Das Wintererstadion

Zwischen 1927 und 1928 nahm das Wintererstadion Gestalt an. Schon der Name verweist darauf, dass hier nicht bloß irgendein Trainingsplatz entstand. Der SC bekam eine Anlage, die sportliche Ambition, Zuschauerinteresse und Vereinsorganisation zusammenführen konnte. Die Zusammenarbeit mit dem Polizeisportverein gehörte ebenso zur Entstehung wie die Bereitschaft des SC, Geld und Arbeitskraft aufzubringen.

Die offizielle Einweihungswoche fand vom 3. bis 10. Juni 1928 statt. Eine Ankündigung in der Freiburger Zeitung vom 1. Juni und die Auswertung bei Neisen und Lehmann sichern Zeitraum und Charakter der Feierlichkeiten. Wo eine genaue Tagespresse-Seite nicht vorliegt, muss man keine künstliche Präzision erzeugen. Der belegte Rahmen genügt: Das Stadion wurde mit einer ganzen Woche offiziell in Besitz genommen.

Für den Sport-Club war das ein Einschnitt. Seit den Kriegsgärten hatte sich die Platzfrage durch beinahe jede größere organisatorische Entscheidung gezogen: Verlust der Eschholzmatten, provisorische Lösungen, Anschluss an die Turnerschaft, gescheitertes Pachtgesuch, Übungsfelder auf dem Exerzierplatz. Jetzt stand eine eigene sportliche Heimat zur Verfügung. Nicht im Sinne einer vollkommen unabhängigen Festung – dafür waren Stadt, Partner und Finanzierung zu wichtig –, aber als Ort, an dem der SC wieder Gastgeber sein konnte.

Ein Stadion verändert einen Verein. Es schafft Einnahmemöglichkeiten, bindet Zuschauer, macht Erfolge sichtbar und produziert zugleich neue Kosten und Erwartungen. Mit dem Wintererstadion war die Platzfrage nicht für alle Zeiten gelöst. Aber der SC hatte erstmals seit dem Verlust der Eschholzmatten wieder festen Boden unter den Füßen. Im Fußball ist das wörtlich und übertragen ziemlich viel.

10. Der Tag, an dem Nürnberg fiel

Noch bevor die offizielle Einweihungswoche begann, erlebte das Wintererstadion seinen ersten großen Tag. Am 12. Februar 1928 empfing der SC Freiburg in der Relegationsrunde den amtierenden Deutschen Meister 1. FC Nürnberg. Nürnberg war damals keine hübsche Traditionsadresse für nostalgische Auswärtsfahrer, sondern eine Macht im deutschen Fußball. Freiburg gewann 2:1.

Die Festschrift von 1929 datiert das Spiel und nennt das Ergebnis. Neisen und Lehmann rekonstruieren den Verlauf: 6.500 Zuschauer, drei vergebene Nürnberger Elfmeter und der Freiburger Siegtreffer durch Hans Baumgarts nach Vorlage Messmers. Mehr Dramatik muss man gar nicht dazuerfinden. Drei verschossene Elfmeter des Deutschen Meisters klingen ohnehin wie eine Geschichte, bei der der Erzähler im Vereinsheim vorsichtshalber noch einmal schwört, wirklich dabei gewesen zu sein.

Festschriftseite von 1929 mit einem Rückblick auf das Nürnberger Gastspiel und den 2:1-Sieg des SC Freiburg.Bild vergrößern ↗

Die Festschrift von 1929 erinnert an das 2:1 gegen den amtierenden Deutschen Meister 1. FC Nürnberg am 12. Februar 1928.

SC Freiburg Museum / Festschrift 1929.Nutzung im Rahmen der dokumentierten Museumserlaubnis.

Der Sieg machte sichtbar, was sportlich möglich war. Ein Verein, der wenige Jahre zuvor noch um Trainingsflächen gebeten hatte, schlug den Deutschen Meister vor Tausenden Zuschauern im eigenen Stadion. Das war kein dauerhafter Sprung in die nationale Spitze. Aber es war ein Moment, an dem Infrastruktur, Mannschaft und Öffentlichkeit zusammenpassten.

Hans Baumgarts gehört in dieser Szene als Torschütze zur Sportgeschichte. Seine spätere Täterbiografie in der NS-Zeit darf deshalb nicht verschwiegen, aber auch nicht rückwirkend in den Spielbericht hineingeschrieben werden. Kapitel 3 wird sich mit Personen und Verantwortlichkeiten unter den Bedingungen nach 1933 befassen. Hier genügt der sachliche Hinweis, dass sportlicher Ruhm und spätere politische Schuld in derselben Biografie nebeneinanderstehen können.

11. Ein Verein wächst über die erste Mannschaft hinaus

Der Sieg gegen Nürnberg ist der klare sportliche Höhepunkt dieser Jahre, aber er erzählt nicht den ganzen Verein. In den 1920er-Jahren wuchs der SC über die erste Mannschaft hinaus. Jugendmannschaften, Leichtathletik und weitere Abteilungen erweiterten das Vereinsleben. Der Klub organisierte Training, Wettkämpfe, Reisen und Geselligkeit für Menschen, die nicht alle am Sonntagnachmittag in der ersten Elf standen.

Gerade die Jugend wurde zu einem zentralen Feld. Vereine verstanden Nachwuchsarbeit nicht nur sportlich. Sie wollten Körper formen, Verhalten prägen und Gemeinschaft herstellen. Das konnte Fürsorge und Verlässlichkeit bedeuten, zugleich aber auch Disziplin und Unterordnung. Welche Seite überwog, lässt sich nicht mit einem einzigen Satz beantworten. Die Rundschau zeigt beides: praktische Vereinsarbeit und weitreichende Erwartungen an den „Sportsmann“.

Reisen gehörten zur wachsenden Außenwirkung. Für 1926 ist eine Parisreise der ersten Mannschaft überliefert. Das ursprünglich dafür vorgesehene Foto wurde nicht als Museumsoriginal nachgewiesen und deshalb bewusst aus der Bildauswahl gestrichen. Die Reise bleibt Teil der Geschichte; sie wird nur nicht mit einem Bild illustriert, das etwas anderes zeigt. Historische Genauigkeit beginnt manchmal bei der unspektakulären Entscheidung, ein schönes Motiv eben nicht passend zu machen.

Auch ohne Bilderparade wird deutlich, wie der SC an Selbstbewusstsein gewann. Die Mannschaft reiste, der Verein veröffentlichte, Abteilungen organisierten sich, Funktionäre knüpften Kontakte. Aus einem Fußballklub mit Platznot wurde ein Mehrspartenverein, der in Freiburg sichtbar war und über Freiburg hinausblickte. Der Preis dieses Wachstums waren höhere Anforderungen an Geld, Verwaltung und Disziplin. Größe macht Vereinsarbeit selten einfacher; sie verteilt nur die Zettelwirtschaft auf mehr Schreibtische.

12. Der angeblich unpolitische Verein

Die Satzung hielt am Ideal politischer und religiöser Neutralität fest. Das war in der Vereinswelt der Zeit keine ungewöhnliche Formel. Sie bedeutete jedoch nicht, dass im SC ein luftleerer, unpolitischer Raum existierte. Neisen und Lehmann lesen die Rundschau deshalb gegen die bequeme Selbstbeschreibung: Welche Eigenschaften wurden gelobt? Welche Pflichten erwartete man? Wie sprach der Verein über Gemeinschaft, Jugend, Opfer und Nation?

Die Antworten sind widersprüchlich. Fairness, Verlässlichkeit und Kameradschaft gehörten zum Ideal des Sportsmannes. Gleichzeitig tauchten Wehrhaftigkeit, Opferbereitschaft, Antimaterialismus und nationale Erziehung als positive Werte auf. Der Sport sollte junge Männer körperlich und charakterlich formen. Kommerzialisierung erschien verdächtig, Eigennutz ebenso. Der Einzelne hatte sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.

Ein besonders aussagekräftiges Beispiel liefert Oskar Mattes in der Fest-Ausgabe von 1924. Der Ehrenvorsitzende beschreibt den Verein als Familie und verbindet Gemeinschaft mit national geprägten Erziehungszielen. Diese Passage ist keine heutige Programmschrift und kein Beweis für die Parteizugehörigkeit aller Mitglieder. Sie dokumentiert, wie ein einflussreicher Vereinsvertreter damals über Aufgabe und Wirkung des Klubs sprach.

Rundschau-Seite mit einer von Oskar Mattes unterzeichneten Textpassage zu Gemeinschaft und Jugenderziehung, umgeben von Geschäftsanzeigen.Bild vergrößern ↗

In der Fest-Ausgabe von 1924 verbindet Ehrenvorsitzender Oskar Mattes die Vorstellung vom Verein als Familie mit national geprägten Erziehungszielen.

SC Freiburg Museum / Rundschau 1924, gedruckte Seite 3.Nutzung im Rahmen der dokumentierten Museumserlaubnis; nur als zeitgenössische Selbstdeutung verwenden, nicht als heutiges Vereinsleitbild oder Beleg einer bestimmten Parteizugehörigkeit.

Auch die später überlieferten „Zehn Gebote für den Sportsmann“ gehören in diesen Zusammenhang. Ihre korrekte Fundstelle ist die Rundschau 5/1925, Seiten 40 bis 41. Da die Originalseiten nicht eingesehen wurden, wird hier kein Wortlaut zitiert. Man kann ihre Existenz und Funktion benennen – ein Verhaltenskodex für Fairness, Disziplin und Auftreten –, ohne Sätze zu erfinden oder aus zweiter Hand als Originalton auszugeben.

Diese Sprache war nicht automatisch nationalsozialistisch. Sie stammte aus breiteren bürgerlichen, nationalen und sportpädagogischen Traditionen der Zeit. Aber sie konnte anschlussfähig werden. Wer Gemeinschaft grundsätzlich über Individualität stellt, Opferbereitschaft verherrlicht und nationale Erziehung als Vereinsaufgabe versteht, bringt Begriffe in Umlauf, die autoritäre Bewegungen später radikalisieren konnten. Das ist eine historische Analyse, keine Kollektivschuldbehauptung.

Der SC war dabei weder einzigartig noch unschuldig außerhalb seiner Zeit. Er bewegte sich in einem Milieu, in dem viele Sportvereine politische Neutralität behaupteten und zugleich gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen verbreiteten. Gerade die Rundschau macht diese Spannung sichtbar. Zwischen Mannschaftsbericht und Geschäftsanzeige stand ein Bild davon, wie ein guter Mann, ein gutes Mitglied und eine gute Gemeinschaft aussehen sollten. Politik beginnt nicht erst dort, wo ein Parteilogo gedruckt wird.

13. Am Rand des Umbruchs

1932 war der Sport-Club ein anderer Verein als 1918. Er hatte Krieg und Platzverlust überstanden, war gewachsen, hatte sich aus der organisatorischen Abhängigkeit gelöst und mit dem Wintererstadion einen eigenen Mittelpunkt geschaffen. Die erste Mannschaft hatte dem Deutschen Meister einen jener Freiburger Nachmittage beschert, von denen ein Verein lange zehrt. Jugend, Abteilungen, Reisen und Rundschau gaben dem Klub Breite und Öffentlichkeit.

Unangreifbar war er nicht. Ein Stadion brachte Verpflichtungen mit sich, die wirtschaftliche Lage blieb schwierig, und die Weimarer Republik geriet immer tiefer in ihre politische Krise. Man braucht keinen künstlichen Cliffhanger um einen Freiburger Hitler-Besuch und erst recht keine ungesicherte Steinwurflegende, um die Nähe des Umbruchs zu spüren. Die Radikalisierung war öffentlich, die demokratische Ordnung sichtbar bedroht.

Für den SC bedeutete das Jahr 1932 noch nicht, dass seine Entwicklung zwangsläufig auf die Gleichschaltung zulief. Geschichte ist kein Gleis, dessen Endbahnhof schon beim Einstieg feststeht. Aber der Verein ging auch nicht als unschuldige Insel in das Jahr 1933. Er war ein gewachsener, sozial gemischter Klub mit sportlichem Ehrgeiz, wirtschaftlichen Sorgen und einer politischen Sprache, die mehr enthielt als die Satzungsformel vom unpolitischen Sport.

Kapitel 3 beginnt deshalb nicht bei null. Es beginnt mit einem Verein, der über Organisation, Hierarchien, Erziehungsideale und Gemeinschaftsbilder verfügte – und mit Menschen, die unter den neuen politischen Bedingungen Entscheidungen trafen. Was nach 1933 daraus wurde, ist eine eigene Geschichte. Sie lässt sich nur verstehen, wenn man die zwanzig Jahre davor nicht als Wartezeit behandelt.

← Zum ersten Kapitel der SCF-Chroniken

Weitersagen

Hat dir der Beitrag gefallen?

Dann zeig ihn deinen Freunden.

Die Debatte

Kommentare

Beiträge erscheinen nach redaktioneller Freigabe – chronologisch, ohne Bewertung oder Sortierung.

Kommentare werden geladen …

Kommentar einreichen

Mit dem Absenden wird der Kommentar zunächst nur der Redaktion angezeigt.

Weitersagen

Hat dir der Beitrag gefallen?

Dann zeig ihn deinen Freunden.

Die Debatte

Kommentare

Beiträge erscheinen nach redaktioneller Freigabe – chronologisch, ohne Bewertung oder Sortierung.

Kommentare werden geladen …

Kommentar einreichen

Mit dem Absenden wird der Kommentar zunächst nur der Redaktion angezeigt.