Chronik · Chronik & Legenden
Die SC-Chroniken (Teil 1)
Vorwort: Warum wir zurückblicken
„Wir SC-Fans sind es gewohnt, in die Zukunft zu schauen. Wir reden über den nächsten Spieltag, die Entwicklung unserer jungen Talente oder das Ziel Europa. Doch wer nicht weiß, wo er herkommt, der verliert irgendwann das Gespür dafür, was diesen Verein eigentlich ausmacht.
Diese Artikelserie ist kein Versuch, die offizielle Vereinshistorie umzuschreiben. Es ist der Versuch, sie wieder menschlich zu machen. Wenn wir heute auf die Geschichte des SC Freiburg blicken, stoßen wir auf Mythen, auf heroische Erfolge, aber eben auch auf Abgründe und Widersprüche. Ich habe mich dazu entschieden, diese Geschichte nicht als poliertes Werbeprospekt aufzubereiten, sondern als das, was sie war: ein Stück Zeitgeschichte, das uns heute noch viel über Identität, Moral und den Charakter unseres Sport-Clubs erzählt.
Dieses Projekt ist meine persönliche Einladung an euch, gemeinsam tief in die Archive zu graben, die alten Schwarz-Weiß-Fotos nicht nur zu betrachten, sondern sie zu hinterfragen. Wir werden dabei auf mutige Pioniere stoßen, auf Momente der Vernunftehe, aber auch auf Schatten, die sich bis in unsere Gegenwart ziehen.
Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei allen bedanken, die durch ihr Wissen und ihre Archivarbeit – allen voran das SC-Museum unter Ronald Becker und das FFC-Archiv unter Stefan Zoller – diese Aufarbeitung überhaupt erst möglich gemacht haben.
Nehmt euch Zeit für diese Reise. Sie beginnt an der Dreisam, führt uns durch harte Jahre voller Entbehrungen und zeigt uns einen SC, der schon vor einem Jahrhundert mehr war als nur ein Fußballverein.“
Quelle: SC Freiburg Museum.

Von Nomaden, Schmalztöpfen und dunklen Schatten (1904 – 1932)
Wenn wir SC-Fans heute auf die Tribüne unseres modernen Stadions pilgern, umgeben von perfekter Infrastruktur und einer glattgebügelten Fußballwelt, vergessen wir oft eines: Dieser Verein ist nicht als fertiges Hochglanzprodukt vom Himmel gefallen. Die Wahrheit über unsere Anfänge? Sie ist chaotisch, mühsam und riecht verdammt nach Staub und dem Schmalztopf von Muttern. Gleichzeitig besitzt unsere Geschichte aber auch Abgründe, über die in den Hochglanz-Festschriften gerne geschwiegen wird.
Lasst uns ehrlich sein und einen Blick zurückwerfen. Ohne Floskeln, ohne geschönte Vereinsromantik.
Der große Bruder und unsere rastlosen Wanderjahre
Um den SC der Anfangsjahre zu verstehen, müssen wir auf die andere Seite der Stadt schauen. Der Fußball kam ursprünglich durch englische Studenten nach Freiburg. Bereits 1897 gründete sich der Freiburger Fußballclub (FFC), der aus Studenten und der Oberschicht bestand und lange Zeit die absolute Nummer eins der Stadt war. Der FFC holte 1907 sogar die Deutsche Meisterschaft und wurde 1908 bei einem Turnier in Turin von der italienischen Presse als „Intellektuellen-Elf“ gefeiert.
Und wir? „Seit 1904“ prangt stolz auf unseren Trikots. Doch 1904 gab es den SC Freiburg noch gar nicht. Es gab stattdessen zwei völlig unterschiedliche Welten, die auf Freiburger Äckern ums sportliche Überleben kämpften:
- Im März 1904 gründeten Gymnasiasten und Realschüler den Freiburger FV 04 (in weiß-schwarz).
- Im Arbeiter- und Angestelltenviertel Stühlinger formierte sich im Oktober 1904 der FC Schwalbe (später FC Mars, dann FC Union).
Die ersten Jahre dieser beiden Klubs wirken wie ein wilder Nomaden-Trip. Man tingelte von der Lorettostraße über den Exerzierplatz bis zu den Klaramatten. Chronisch pleite, heimatlos und weit entfernt vom Glamour des elitären FFC.
Der Pokal-Schwindel von 1909: In unserer Historie taucht gerne ein „Ehrenpreis-Pokal“ von 1909 auf, der als unser erster Titel gefeiert wird. Die bittere Wahrheit: Dieses Turnier hat laut Recherchen nie stattgefunden. Der Pokal kam lediglich durch einen Vereinswechsel von Funktionären in unseren Schrank. Wir Fans lieben unsere Mythen, aber diesen sollten wir beerdigen.
Quelle: SC Freiburg Museum


Quelle: SC Freiburg Museum

1912: Die Vernunftehe und der Überlebenskampf im Krieg
Am 3. März 1912 war das Chaos vorerst vorbei: Der Sportverein 04 und der FC Union fusionierten zum SC Freiburg. Die soziale Struktur war klar: Während der FFC der elitäre Akademiker-Club war, war der SC kleinbürgerlich geprägt und ein Sammelbecken für Angestellte und Arbeiter, auch wenn die Führungsebene bürgerlich besetzt blieb.
Der Aufbruch währte jedoch nur kurz. Der Erste Weltkrieg traf den Verein hart. Der SC verlor seinen Sportplatz auf den Eschholzmatten, weil dort Gemüse angebaut wurde („Kriegsgärten“). 43 Mitglieder fielen auf dem Feld. Um den Spielbetrieb überhaupt aufrechterhalten zu können, bildete der SC eine „Kriegsmannschaft“ – ausgerechnet mit dem Lokalrivalen FFC. Das war keine frühe Verbrüderung, sondern eine reine Notlösung gegen den grassierenden Spielermangel.
Die „Wilden Zwanziger“: Schmalzbälle und Schmuggelware
Nach dem Krieg erlebte der Fußball einen Boom. Es begannen die „goldenen“ und wildesten Jahre unserer Vereinsgeschichte. Da der SC unter massiver Platznot litt, schlüpfte man zeitweise bei der Freiburger Turnerschaft (FT 1844) unter. In dieser Zeit unternahm der Verein Auslandsreisen, die man sich heute kaum noch vorstellen kann: Italien (1914 und 1923), Frankreich, die Schweiz und 1924 sogar eine 19-tägige Reise nach Spanien.
Diese Reisen brachten in der Inflationszeit nicht nur harte Devisen und dienten der „Völkerverständigung“, sie waren auch pure Abenteuer. Spieler flogen in Italien aus dem Zug („Rapido completto!“), verloren ihre Pässe an Mussolinis Polizei und vertrieben sich stundenlange Wartezeiten an spanischen Bahnhöfen mit Domino und dem Verstecken von Schmuggelware. Zu Hause sah der Alltag nicht weniger hemdsärmelig aus: Da es oft an Material mangelte, wurden die kostbaren Lederbälle mit Mamas Schmalz aus dem Vorratsschrank eingefettet. Torstangen wurden mangels Platzwart kilometerweit auf dem Rücken geschleppt.
Quelle: SC Freiburg Museum.

Das Wunder gegen Nürnberg 1928
Quelle: SC Freiburg Museum


Wachstum, Emanzipation und das Winterer-Stadion
Mitte der 20er Jahre professionalisierte sich unser SC massiv. Bis 1927 wuchs der Verein auf fast 1.400 Mitglieder an. Wir hatten ab 1923 die Vereinszeitung „Rundschau“ und mit Hermann Büchele ab 1925 den ersten hauptamtlichen Geschäftsführer.
Was den SC damals schon besonders machte, war seine Vielfalt. Neben Leichtathletik und Handball wurde 1927 eine Damenabteilung gegründet. Diese wurde von Frieda Baumann geleitet, die vehement gegen das damalige Vorurteil ankämpfen musste, Sport sei für Frauen ungesund. Mit Anna Baumgart stellte der SC sogar die badische Meisterin im Kugelstoßen.
Auch jüdische Mitglieder gehörten in der Weimarer Republik ganz selbstverständlich zur Leitung der stark ausgeprägten „SC-Familie“. Sigmund Günzburger fungierte bis 1920 als 2. Vorsitzender, Hans Strauß leitete die Jugendabteilung. Offener Antisemitismus war in den Vereinschroniken dieser Zeit nicht feststellbar.
1928 folgte der nächste Meilenstein: Da der SC den Stadionbau nicht alleine stemmen konnte, tat man sich mit dem Polizeisportverein (PSV) zusammen. Auf dem Exerzierplatz eröffnete im Juni 1928 das „Winterer-Stadion“ (benannt nach OB Otto Winterer).
Das Doppelgesicht: Heldenkult und der Weg in den Abgrund
Genau bei der Eröffnung dieses Stadions am 12. Februar 1928 passierte etwas Historisches: Der SC besiegte den amtierenden Deutschen Meister 1. FC Nürnberg mit 2:1. Der umjubelte Siegtorschütze hieß Hans Baumgart.
Doch dieser Hans Baumgart steht heute für das dunkelste Kapitel unserer Historie. Der umjubelte SC-Stürmer machte später in der SS Karriere, wurde Lagerkommandant im KZ-Außenlager Karlshagen I (Peenemünde) und ließ dort 1943 zwei französische Häftlinge hinrichten. 1947 wurde er dafür zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt.
Baumgarts Werdegang wirft ein grelles Licht auf die politische Realität des Vereins. Offiziell war der SC in der Weimarer Republik laut Satzung (§2) unpolitisch. Doch der Schein trügt. Der Sport war stark ideologisch aufgeladen. Er sollte die Niederlage im Weltkrieg kompensieren und diente als Militärersatz zur körperlichen „Ertüchtigung“ der Jugend. Innerhalb des Vereins herrschte eine starke Kultur- und Modernitätskritik: Sport als Gegenmittel zur verhassten „dekadenten Großstadtkultur“ und dem Jazz.
Nach innen verlangte die Vereinsführung (unter Führung von Männern wie Hermann Büchele und Willy Jäger) absolute Unterordnung, Gehorsam und Pünktlichkeit. Kritik wurde in der Vereinszeitung scharf als „Oppositionshunger“ diffamiert. In den SC-Publikationen florierte ein antidemokratischer, fortschrittspessimistischer Heldenkult, der den Parlamentarismus abwertete.
Wir müssen also festhalten: Das Jahr 1933 und die Machtergreifung stellten für den SC Freiburg keinen massiven ideologischen Bruch dar. Das Gift tröpfelte schon vorher in den Verein. Schon vor 1933 saßen Männer mit rechtsextremer Gesinnung in wichtigen Positionen – darunter Franz Schandelmaier (Mitglied der radikalen Brigade Erhardt, ab 1931 in der NSDAP) und sogar unser erster Ehrenspielführer Hermann Weber (ein früherer NSDAP-Funktionär).
Unser SC der frühen Jahre war idealistisch, aufopferungsvoll und eine echte sportliche Familie. Aber er war eben auch ein Spiegel seiner Zeit – mit Abgründen, vor denen wir heute als Fans nicht die Augen verschließen dürfen.
Quelle: SC Freiburg Museum



Ausblick auf Teil 2: Gleichschaltung, Bombenhagel und der Verlust der Heimat (1933–1945)
Wer glaubt, die heimatlosen Nomadenjahre des SC seien mit dem Bau des Winterer-Stadions endgültig vorbei gewesen, der irrt gewaltig. In Teil 2 unserer SC-Chroniken blicken wir in den totalen Abgrund der NS-Diktatur und den blanken Überlebenskampf unseres Vereins.
Wir werden beleuchten, wie der Sport-Club im Mai 1933 eiskalt „gleichgeschaltet“ wurde und mit dem NSDAP-Stadtrat Ludwig Sieder plötzlich einen linientreuen „Vereinsführer“ vorgesetzt bekam. Nach Vorgabe des DFB wurden jüdische und kommunistische Mitglieder rigoros aus allen Leitungsfunktionen gedrängt.



Kommentare werden geladen …