Vorwort: Warum wir zurückblicken
„Wir SC-Fans sind es gewohnt, in die Zukunft zu schauen. Wir reden über den nächsten Spieltag, die Entwicklung unserer jungen Talente oder das Ziel Europa. Doch wer nicht weiß, wo er herkommt, der verliert irgendwann das Gespür dafür, was diesen Verein eigentlich ausmacht.
Diese Artikelserie ist kein Versuch, die offizielle Vereinshistorie umzuschreiben. Es ist der Versuch, sie wieder menschlich zu machen. Wenn wir heute auf die Geschichte des SC Freiburg blicken, stoßen wir auf Mythen, auf heroische Erfolge, aber eben auch auf Abgründe und Widersprüche. Ich habe mich dazu entschieden, diese Geschichte nicht als poliertes Werbeprospekt aufzubereiten, sondern als das, was sie war: ein Stück Zeitgeschichte, das uns heute noch viel über Identität, Moral und den Charakter unseres Sport-Clubs erzählt.
Dieses Projekt ist meine persönliche Einladung an euch, gemeinsam tief in die Archive zu graben, die alten Schwarz-Weiß-Fotos nicht nur zu betrachten, sondern sie zu hinterfragen. Wir werden dabei auf mutige Pioniere stoßen, auf Momente der Vernunftehe, aber auch auf Schatten, die sich bis in unsere Gegenwart ziehen.
Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei allen bedanken, die durch ihr Wissen und ihre Archivarbeit – allen voran das SC-Museum unter Ronald Becker und das FFC-Archiv unter Stefan Zoller – diese Aufarbeitung überhaupt erst möglich gemacht haben.
Nehmt euch Zeit für diese Reise. Sie beginnt an der Dreisam, führt uns durch harte Jahre voller Entbehrungen und zeigt uns einen SC, der schon vor einem Jahrhundert mehr war als nur ein Fußballverein.“
Quelle: SC Freiburg Museum.
Die ‚Rundschau‘ als Infoportal: 1924 war sie das zentrale Organ für die Mitglieder. Mit der Auflistung von Geschäftsstelle, Inseraten und dem stolzen Hinweis auf die Meisterschaft 1923/24 zeigt sie, wie sehr sich der SC in dieser Zeit organisatorisch festigte.
Von Nomaden, Schmalztöpfen und dunklen Schatten (1904 – 1932)
Wenn wir SC-Fans heute auf die Tribüne unseres modernen Stadions pilgern, umgeben von perfekter Infrastruktur und einer glattgebügelten Fußballwelt, vergessen wir oft eines: Dieser Verein ist nicht als fertiges Hochglanzprodukt vom Himmel gefallen. Die Wahrheit über unsere Anfänge? Sie ist chaotisch, mühsam und riecht verdammt nach Staub und dem Schmalztopf von Muttern
Lasst uns ehrlich sein und einen Blick zurückwerfen. Ohne Floskeln, ohne geschönte Vereinsromantik.
Der große Bruder und unsere rastlosen Wanderjahre
Um den SC der Anfangsjahre zu verstehen, müssen wir auf die andere Seite der Stadt schauen. Der Fußball kam ursprünglich durch englische Studenten nach Freiburg
Und wir? „Seit 1904“ prangt stolz auf unseren Trikots. Doch 1904 gab es den SC Freiburg noch gar nicht
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Im März 1904 gründeten Gymnasiasten und Realschüler den Freiburger FV 04 (in weiß-schwarz)
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Im Arbeiter- und Angestelltenviertel Stühlinger formierte sich im Oktober 1904 der FC Schwalbe (später FC Mars, dann FC Union)
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Die ersten Jahre dieser beiden Klubs wirken wie ein wilder Nomaden-Trip. Man tingelte von der Lorettostraße über den Exerzierplatz bis zu den Klaramatten
Der Pokal-Schwindel von 1909: In unserer Historie taucht gerne ein „Ehrenpreis-Pokal“ von 1909 auf, der als unser erster Titel gefeiert wird
. Die bittere Wahrheit: Dieses Turnier hat laut Recherchen nie stattgefunden . Der Pokal kam lediglich durch einen Vereinswechsel von Funktionären in unseren Schrank . Wir Fans lieben unsere Mythen, aber diesen sollten wir beerdigen.
Quelle: SC Freiburg Museum
Die Wurzeln in Weiß-Schwarz: Der Sport-Verein 1904, einer der beiden Vorläufervereine, deren Fusion 1912 den heutigen SC Freiburg erst ermöglichte. Ein Blick auf die Ausrüstung zeigt den bescheidenen, aber ambitionierten Geist der Gründerjahre.
Der FC Union (1905–1912), der zweite ‚Architekt‘ des SC. Mit ihren schwarz-gelben Farben und ihrem Ursprung im Stadtteil Stühlinger brachten sie eine ganz andere Identität in die spätere Fusion ein.
Quelle: SC Freiburg Museum
Ein sensationelles Zeitzeugnis: Der über 100 Jahre alte Pokal zu Ehren von Hermann Weber, Mitbegründer und erster Ehrenspielführer des SC. Die Figur zeigt, mit welchem Pathos der Sport in dieser Ära bereits als ‚charakterbildend‘ zelebriert wurde
1912: Die Vernunftehe und der Überlebenskampf im Krieg
Am 3. März 1912 war das Chaos vorerst vorbei: Der Sportverein 04 und der FC Union fusionierten zum SC Freiburg
Der Aufbruch währte jedoch nur kurz. Der Erste Weltkrieg traf den Verein hart
Die „Wilden Zwanziger“: Schmalzbälle und Schmuggelware
Nach dem Krieg erlebte der Fußball einen Boom
Diese Reisen brachten in der Inflationszeit nicht nur harte Devisen und dienten der „Völkerverständigung“, sie waren auch pure Abenteuer
Quelle: SC Freiburg Museum.
Sport auf großer Bühne: Spielszenen der SC-Reise nach Paris 1926 gegen den Club Français und eine Pariser Stadtauswahl. Reisen wie diese waren in den 20ern nicht nur sportliche Highlights, sondern auch eine wichtige Einnahmequelle
Das Wunder gegen Nürnberg 1928
Quelle: SC Freiburg Museum
Das Winterer-Stadion im Februar 1928: Vor einer beeindruckenden Kulisse gelang dem SC der historische 2:1-Sieg gegen den damaligen Deutschen Meister 1. FC Nürnberg. Dieses Spiel gilt als der sportliche Höhepunkt der Vereinsgeschichte vor 1945
Wachstum, Emanzipation und das Winterer-Stadion
Mitte der 20er Jahre professionalisierte sich unser SC massiv. Bis 1927 wuchs der Verein auf fast 1.400 Mitglieder an
Was den SC damals schon besonders machte, war seine Vielfalt. Neben Leichtathletik und Handball wurde 1927 eine Damenabteilung gegründet
Auch jüdische Mitglieder gehörten in der Weimarer Republik ganz selbstverständlich zur Leitung der stark ausgeprägten „SC-Familie“
1928 folgte der nächste Meilenstein: Da der SC den Stadionbau nicht alleine stemmen konnte, tat man sich mit dem Polizeisportverein (PSV) zusammen
Das Doppelgesicht: Heldenkult und der Weg in den Abgrund
Genau bei der Eröffnung dieses Stadions am 12. Februar 1928 passierte etwas Historisches: Der SC besiegte den amtierenden Deutschen Meister 1. FC Nürnberg mit 2:1
Doch dieser Hans Baumgart steht heute für das dunkelste Kapitel unserer Historie. Der umjubelte SC-Stürmer machte später in der SS Karriere, wurde Lagerkommandant im KZ-Außenlager Karlshagen I (Peenemünde) und ließ dort 1943 zwei französische Häftlinge hinrichten
Baumgarts Werdegang wirft ein grelles Licht auf die politische Realität des Vereins. Offiziell war der SC in der Weimarer Republik laut Satzung (§2) unpolitisch
Nach innen verlangte die Vereinsführung (unter Führung von Männern wie Hermann Büchele und Willy Jäger) absolute Unterordnung, Gehorsam und Pünktlichkeit
Wir müssen also festhalten: Das Jahr 1933 und die Machtergreifung stellten für den SC Freiburg keinen massiven ideologischen Bruch dar
Unser SC der frühen Jahre war idealistisch, aufopferungsvoll und eine echte sportliche Familie. Aber er war eben auch ein Spiegel seiner Zeit – mit Abgründen, vor denen wir heute als Fans nicht die Augen verschließen dürfen.
Quelle: SC Freiburg Museum
Kreisligameister 1923/24: Eine der schlagkräftigsten Mannschaften dieser Ära. Dieses Foto dokumentiert den sportlichen Aufstieg des SC in der frühen Nachkriegszeit
Die erste Jugend am Niederwald-Denkmal, Ostern 1929: Ein Zeugnis für den Stellenwert, den die Jugendförderung bereits vor einem Jahrhundert im Verein genoss
Ausblick auf Teil 2: Gleichschaltung, Bombenhagel und der Verlust der Heimat (1933–1945)
Wer glaubt, die heimatlosen Nomadenjahre des SC seien mit dem Bau des Winterer-Stadions endgültig vorbei gewesen, der irrt gewaltig. In Teil 2 unserer SC-Chroniken blicken wir in den totalen Abgrund der NS-Diktatur und den blanken Überlebenskampf unseres Vereins.
Wir werden beleuchten, wie der Sport-Club im Mai 1933 eiskalt „gleichgeschaltet“ wurde und mit dem NSDAP-Stadtrat Ludwig Sieder plötzlich einen linientreuen „Vereinsführer“ vorgesetzt bekam. Nach Vorgabe des DFB wurden jüdische und kommunistische Mitglieder rigoros aus allen Leitungsfunktionen gedrängt.