Meinung
Das große Rätsel um den perfekten Support
Wer die Heimspiele unseres SC Freiburg im neuen Mooswaldstadion verfolgt, erlebt auf der Südtribüne Spieltag für Spieltag eine Wand aus Emotionen. Was die aktive Fanszene rund um Gruppen wie Corrillo, Synthesia oder IWF bei den Choreos und beim Dauersupport abreißt, sucht in Deutschland seinesgleichen. Da steckt monatelange Arbeit, Herzblut und reine Eigenfinanzierung drin – komplett ohne Kohle vom Verein. Das verdient erst mal fetten Respekt.
Aber wer ehrlich ist und den Blickwinkel mal über die gesamten Ränge schweifen lässt, bemerkt ab und zu ein Phänomen, das in der Kurve und auf den Gegengeraden immer öfter diskutiert wird: Die Stimmung zündet manchmal nur im Epizentrum auf den Stehplätzen.
Der Funke, der im Stadion steckenbleibt
Man steht selbst auf der Süd oder sitzt auf der Haupttribüne, sieht unten die Fahnen wehen und die Jungs und Mädels in der Kurve sich die Seele aus dem Leib schreien. Aber die Melodie kommt oben oder drüben auf den Geraden gar nicht richtig an. Die Lieder sind oft extrem lang, rhythmisch komplex und eher darauf ausgelegt, dass sich die aktive Szene selbst anpeitscht.
Der klassische Stadionbesucher, der seit zwanzig Jahren ins Stadion rennt und die Mannschaft bei einem Eckball oder einer Drangphase einfach nur nach vorne brüllen will, steht dann oft ein bisschen verloren daneben. Der Funke springt nicht über. Es wirkt unter der Saison streckenweise wie zwei verschiedene Welten: Hier der unermüdliche Dauersupport auf der Südtribüne – dort das restliche Stadion, das auf den richtigen Moment wartet, um zu explodieren.
Dass es anders geht, hat Istanbul bewiesen!
Dabei wissen wir doch alle ganz genau, welche Urgewalt in unserer Fanszene steckt, wenn alle Rädchen ineinandergreifen. Wer beim Europapokal-Finale in Istanbul dabei war oder die Bilder gesehen hat, der hat die ultimative Einheit erlebt. An diesem Abend gab es keine Trennung zwischen „Ultra in der Kurve“ und „Sitzplatz-Fan der Haupttribüne“.
Der gesamte SC-Block im Stadion stand wie eine einzige Wand. Die Jungs hinter dem Tor haben den Takt vorgegeben, und das gesamte Stadion hat gemeinschaftlich mitgezogen. Egal ob gigantische Choreo, die Gesänge, das Hüpfen oder das synchrone Klatschen – da hat jeder Einzelne gebrannt. Da war dieser unbeschreibliche Geist zu spüren, der unseren Verein so groß gemacht hat. Warum funktioniert diese perfekte Symbiose in der Fremde auf europäischer Bühne, aber im Bundesliga-Alltag zu Hause verlieren wir diesen gemeinsamen Rhythmus manchmal?
Braga und Istanbul: Zwei Gesichter einer Fankultur
Zu Hause im Bundesliga-Alltag sieht das verständlicherweise oft anders aus. Ein perfektes Beispiel dafür war das Heimspiel gegen Braga. Die aktive Szene hat eine Choreo auf die Beine gestellt, die an Brachialität kaum zu überbieten war: Auf der Nord prallte das riesige „SCF“ entgegen, über die gesamte Gegengerade zog sich das mächtige Wort „VORAN“ und auf der Süd thronte der gewaltige Greifvogel. Eine Wahnsinns-Aktion über drei komplette Tribünen!
Dass die Haupttribüne dabei komplett außen vor blieb, war von den Ultras natürlich absolut bewusst so geplant – verständlicherweise investiert man Monate an Arbeit und eigenes Geld lieber in die Kurven, statt den VIP- und Sponsorenbereich auf der Haupt zu bespaßen.
Aber genau hier liegt der Kern: Während zu Hause die Tribünen – teils gewollt, teils durch die Dynamik des Stadions – ihre eigenen Wege gehen, schmilzt diese Trennung auf den großen Auswärtsfahrten wie in Istanbul komplett weg.
Stimmung gestalten, statt konsumieren
Dabei wollen die Ultras eigentlich genau das Richtige. Ihr klares Statement im Winter war eine Ansage an uns alle: „Stimmung gestalten, statt konsumieren!“ Sie laufen völlig zurecht Sturm gegen den modernen Event-Kommerz. Niemand im Breisgau will künstliche Einpeitscher über die Stadionmikrofone, ohrenbetäubende Musikschleifen direkt nach dem Tor oder Plastik-Zustände wie in Leipzig. Wir wollen den ehrlichen, selbstbestimmten Support von den Rängen – auch wenn es mal ein paar Minuten leiser ist.
Aber die Frage, die wir uns im Sommerloch stellen müssen, lautet: Wie schaffen wir es, dass dieser Support wieder das gesamte Stadion mitreißt? Wie wird aus dem genialen Gesang der Fankurve wieder ein Hexenkessel, der die Gegner einschüchtert und die Jungs auf dem Rasen in der 89. Minute zum Sieg peitscht?
Vielleicht braucht es gar keine komplizierten neuen Songs, sondern einfach wieder mehr von den einfachen, brachialen Wechselgesängen, bei denen das ganze Stadion erzittert. Support lebt vom Mitmachen – und das funktioniert am besten, wenn man die Leute abholt, anstatt sie ungewollt abzuhängen. Am Ende wollen der Fan in der Kurve, der Fanclub-Hengst von der Fangemeinschaft und der Gelegenheitszuschauer auf der Haupttribüne exakt dasselbe: Das Beste für den Sportclub.
Wie seht ihr das? Wie habt ihr die Stimmung im neuen Stadion in dieser Saison erlebt? Kommt der Support bei euch an oder wünscht ihr euch auch mehr einfache Gesänge für das ganze Stadion? Schreibt es in die Kommentare!
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