Analyse

Ein Heimsieg, der Lust auf mehr Dreisamstadion macht

Nicole Ojukwu läuft zur Ecke, Lisa Karl steigt hoch, der Ball liegt im Netz. Manchmal braucht es nicht mehr als eine sauber geschlagene Standardsituation und eine Kapitänin, die im richtigen Moment vorangeht. Das 1:0 gegen Union Berlin war kein Spiel für einen dieser Rückblicke, in denen noch Wochen später jeder Angriff ehrfürchtig nacherzählt wird. Aber es war ein Spiel, das etwas über diese neue Freiburger Mannschaft verraten hat. Wer wissen möchte, weshalb sich weitere Nachmittage im Dreisamstadion lohnen könnten, bekam darauf einige ziemlich konkrete Antworten.

Eine davon trägt weiterhin die Nummer zwei. Lisa Karl gehört längst zu den Spielerinnen, die man niemandem mehr ausführlich vorstellen muss, der die SC-Frauen regelmäßig verfolgt. Sie ist Kapitänin, seit Jahren eine verlässliche Größe und nun auch die Torschützin des ersten Heimsiegs der Saison. Ihr Kopfball in der 54. Minute war nicht nur das entscheidende Tor. Er passte auch zu ihrer Rolle: Wenn ein Spiel festhängt, darf eine Führungsspielerin ruhig einmal die Abkürzung nehmen.

Dass die Ecke von Nicole Ojukwu kam, macht die Szene noch interessanter. Die Österreicherin spielt in dieser Saison zentraler und soll dort mehr Einfluss auf das Freiburger Spiel nehmen. Gegen Union war noch nicht jede Verbindung so sauber, wie sie im Laufe der kommenden Wochen hoffentlich werden kann. Ihre Vorlage zeigt aber bereits, was diese neue Rolle ermöglichen soll. Ojukwu ist nicht bloß irgendwo im Zentrum abgestellt worden, weil auf dem Aufstellungsbogen noch ein Feld frei war. Sie soll das Spiel mitgestalten, Verantwortung übernehmen und auch bei ruhenden Bällen etwas auslösen. Gegen Union reichte dafür zunächst eine Ecke. Lisa Karl kümmerte sich freundlicherweise um den Rest.

Bis zu diesem Tor war der Heimauftakt allerdings ein gutes Stück Arbeit. Freiburg begann mit derselben Elf wie beim 1:1 in Hamburg, was nach zwei Spieltagen noch keine unumstößliche Stammformation ergibt, aber zumindest erkennen lässt, wem Marco Konrad in dieser frühen Phase vertraut. Ruhe brachte diese personelle Stabilität zunächst nicht. Die erste Hälfte war offen, stellenweise fahrig und deutlich stärker vom Hin und Her geprägt, als es dem SC lieb sein konnte. Union durfte sich dadurch im Spiel halten, obwohl Freiburg grundsätzlich genügend Möglichkeiten fand, gefährlich zu werden.

Nach der Pause änderte sich der Auftritt. Der SC rückte früher heraus, setzte Union stärker unter Druck und wirkte plötzlich wie eine Mannschaft, die beschlossen hatte, dass ein ordentlicher Heimauftakt durchaus noch am selben Nachmittag stattfinden könne. Karls Treffer war die Belohnung, aber keineswegs der Schlusspunkt aller Freiburger Ambitionen. Emma Memminger, Lisa Kolb und Alena Bienz kamen zu Möglichkeiten, die eingewechselte Amira Arfaoui traf den Pfosten. Wer aus einem 1:0 automatisch schließt, Freiburg habe nach der Führung nur noch die Eckfahne gesucht, liegt also daneben. Das zweite Tor fehlte. Die Chancen darauf waren vorhanden.

Und weil ein 1:0 selbst bei grundsätzlicher Überlegenheit die unangenehme Eigenschaft besitzt, bis zum Abpfiff ein 1:1 werden zu können, bekam auch Anna Reimann ihren großen Moment. In der 76. Minute verhinderte sie den Ausgleich und hielt damit den Vorsprung fest. Für viele dürfte sie noch der unbekannteste Name dieser Freiburger Startelf sein. Ihr erstes Bundesliga-Heimspiel verlief über weite Strecken ruhig, doch eine Torhüterin wird selten danach beurteilt, wie dekorativ sie bei ungefährlichen Rückpässen aussieht. Als Reimann wirklich gebraucht wurde, war sie da. Ein besseres Argument für einen gelungenen Einstand lässt sich schwer finden.

Karl trifft, Ojukwu bereitet vor, Reimann hält. Drei Spielerinnen, drei unterschiedliche Rollen und drei Szenen, die einen ersten Zugang zu dieser Mannschaft bieten. Natürlich ist nach zwei Spieltagen noch nichts fertig. Eine unveränderte Startelf kann schon in wenigen Wochen ganz anders aussehen, eine neue Position muss sich gegen stärkere Gegner bewähren und ein gelungenes Heimdebüt ist noch keine komplette Bundesligasaison. Aber Entwicklung lässt sich nicht erst erkennen, wenn am Ende alles makellos zusammengesetzt ist. Manchmal zeigt sie sich darin, wie eine Mannschaft auf eine unruhige erste Hälfte reagiert.

Vier Punkte aus den ersten beiden Spielen sind deshalb weder Anlass für vorsorgliche Reiseplanungen Richtung Meisterfeier noch eine belanglose Randnotiz. Nach dem 1:1 beim Hamburger SV folgte ein verdienter Sieg gegen Union. Das ist ein stabiler Start – mehr muss daraus Anfang September noch nicht gemacht werden, weniger allerdings auch nicht. Der SC hat auswärts gepunktet und das erste Heimspiel gewonnen. Andere Saisonanfänge haben schon deutlich mehr Erklärungsbedarf erzeugt.

1.806 Menschen sahen diesen Sieg im Dreisamstadion, dessen Nordtribüne erstmals seit längerer Zeit wieder geöffnet war. Diese Zahl braucht weder eine Standpauke an alle Ferngebliebenen noch eine besonders kreative Schönrechnung. Das überzeugendere Argument spielte ohnehin unten auf dem Rasen. Dort war eine Mannschaft zu sehen, die nach einer schwierigen ersten Hälfte zulegte, deren Kapitänin Verantwortung übernahm und deren neue Torhüterin den knappen Vorsprung rettete. Dazu blieb die Partie bis zum Ende eng genug, dass niemand vorzeitig mit dem gedanklichen Heimweg beginnen musste. Auch das ist schließlich eine Form von Kundenbindung, wenn auch nicht unbedingt die nervenschonendste.

Der nächste Gegner wird die ersten Freiburger Eindrücke erheblich strenger prüfen. Am Sonntag geht es zum deutschen Meister nach München. Beim FC Bayern wird es kaum genügen, erst nach der Pause vollständigen Zugriff auf das Spiel zu bekommen, und wahrscheinlich werden sich auch nicht fünf gute Möglichkeiten ergeben, bevor die Gegenseite ernsthaft widerspricht. Genau deshalb kommt dieses Spiel zur richtigen Zeit. Vier Punkte sind bereits eingesammelt, die ersten Rollen werden sichtbar – nun darf diese Mannschaft zeigen, was davon auch gegen den Maßstab der Liga trägt.

Das 1:0 gegen Union war kein Fußballfest. Es war vielleicht etwas Nützlicheres: ein Nachmittag, nach dem man einige Spielerinnen besser kennt und die neue Saison ein wenig klarer vor sich sieht. Wer dabei war, hat gute Gründe bekommen, wiederzukommen. Und wer nicht dabei war, weiß nun zumindest, auf wen sich beim nächsten Besuch ein genauerer Blick lohnt.

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