Meinung
Die Samurai vom Breisgau
Warum die japanische Mentalität so perfekt zum Sport-Club passt
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte beim SC zurückblicke, gab es eigentlich immer eine eiserne Regel: Wer sich für die Mannschaft zerreißt und auf dem Platz Gras frisst, den schließen wir Fans ins Herz. Wer nur für die Galerie kickt und sein Ego über das Team stellt, wird hier im Breisgau nicht alt. Und genau deshalb feiere ich eine Entwicklung in unserem Kader aktuell extrem ab: unsere kleine, aber verdammt starke Japan-Fraktion.
Insgesamt hatten wir in der Vereinsgeschichte bislang fünf japanische Profis unter Vertrag. Den Anfang machte nach der WM 2010 Kisho Yano, der als physisch starker Stürmer nach 15 Spielen ohne Tor leider glücklos blieb und nach Japan zurückkehrte. Später sammelte der hochgewachsene Kosuke Kinoshita vor allem bei unserer Zweiten in der Regionalliga wertvolle Spielpraxis.
Ritsu Doan: Der Türöffner und Unterschiedsspieler
Den echten Durchbruch brachte dann aber Ritsu Doan. Er kam von der PSV Eindhoven und wurde bei uns auf dem rechten Flügel sofort zum absoluten Leistungsträger. Wenn sein Name durchs Europa-Park Stadion hallte, wusste jeder: Da steht unser Unterschiedsspieler auf dem Platz. Doan war zwar ein internationaler Star, aber von Allüren keine Spur – er rannte im Defensivpressing genauso unermüdlich, wie er vorne zauberte. In seinen drei Jahren im Breisgau riss er unter Christian Streich und Julian Schuster stolze 123 Pflichtspiele ab. Allein in seiner finalen Saison 2024/25 hat er uns mit 10 Toren und 7 Vorlagen noch einmal richtig verwöhnt. Dass er uns im Sommer 2025 für rund 20 Millionen Euro Richtung Frankfurt verlassen hat, tat uns Fans natürlich extrem weh. Aber weil er bis zur letzten Sekunde alles für unser Trikot gegeben hat und der Wechsel transparent und fair über die Bühne ging, gibt es da null böses Blut. Er hat die Tür für diesen japanischen Weg bei uns meilenweit aufgestoßen. Und genau den führen wir jetzt mit den aktuellen Jungs konsequent weiter.
Mio Backhaus: Der stoische Rekord-Rückhalt
Fangen wir ganz hinten an. Dass Mio Backhaus Ende Mai für die vereinsinterne Rekordsumme von rund 15 Millionen Euro von Werder Bremen zu uns gewechselt ist, um Noah Atubolu zu ersetzen, wissen wir alle. Aber was viele nicht auf dem Schirm haben: Seine Wurzeln passen perfekt in dieses Raster! Er ist der Sohn einer japanischen Musikerin, in Japan zweisprachig aufgewachsen und hat seine fußballerische Ausbildung beim dortigen Erstligisten Kawasaki Frontale begonnen.
Obwohl er aktuell für die deutsche U21 im Kasten steht, ist der japanische Nationaltrainer Hajime Moriyasu schon persönlich nach Bremen gereist, um ihn intensiv für die „Samurai Blue“ abzuwerben. Wer seine 32 bockstarken Bundesliga-Spiele im Bremer Kasten letzte Saison gesehen hat – wo er in einer oft wackeligen Defensive ein echter Lichtblick war –, wundert sich darüber nicht. Jochen Saier hat bei seiner Vorstellung explizit seine „ruhige und konzentrierte Art“ gelobt. Werders Sportchef Clemens Fritz trauert beim Abschied vor allem seinem starken Charakter hinterher, der in der Bremer Kabine eine echte Lücke hinterlässt. Als Keeper beim SC brauchst du genau das: keinen Lautsprecher, der den dicken Max macht, sondern puren Fokus. Dass dieser bodenständige 22-Jährige abseits des Platzes leidenschaftlich Klavier spielt, passt einfach perfekt ins Bild. Diese stoische Gelassenheit wird unserem Spiel von hinten heraus richtig guttun.
Rihito Yamamoto: Der Chef im Maschinenraum
Mit unserem Sommer-Neuzugang Rihito Yamamoto, der vom belgischen Klub St. Truiden zu uns wechselt, haben wir uns einen Typen geholt, der genau da wehtut, wo es wichtig ist: im Zentrum. Wer als Kapitän der japanischen U23-Auswahl bei den Olympischen Spielen aufläuft, dem muss man nicht mehr erklären, was Verantwortung heißt. Yamamoto ist kein Lautsprecher, sondern ein echter Arbeiter. Einer, der im Spiel gegen den Ball extrem eklig für den Gegner ist, aber gleichzeitig die absolute Übersicht für einen sauberen Spielaufbau mitbringt. Ein klassischer Box-to-Box-Kämpfer, der sich für die Drecksarbeit nicht zu schade ist.
Yuito Suzuki: Der unermüdliche Wirbelwind
Als perfektes Gegenstück haben wir Yuito Suzuki in der Offensive. Er kam im Sommer 2025 von Bröndby IF und hat eine unglaublich intensive Premierensaison bei uns hingelegt. Klar, er brauchte anfangs ein paar Wochen, um sich an das System von Julian Schuster zu gewöhnen und die Abläufe zu verinnerlichen. Aber dann hat er sich unermüdlich in die Startformation gekämpft. Spätestens mit seinem ersten Bundesliga-Tor am 10. Spieltag gegen St. Pauli platzte der Knoten.
Am Ende der Saison standen 25 Liga-Einsätze und vier Tore auf dem Papier. Besonders wertvoll war er aber in den K.o.-Spielen: Denkt nur an das wichtige Tor im Pokal-Viertelfinale gegen Hertha, den Treffer beim 5:1 in der Europa League gegen Genk oder seinen sensationellen Doppelpack im EL-Viertelfinale gegen Celta Vigo! Kein Wunder, dass sein Marktwert mittlerweile auf rund 24 Millionen Euro explodiert ist. Bei vielen anderen Vereinen ruhen sich solche feinen Techniker vorne gerne mal aus – beim SC undenkbar. Suzuki wirbelt, schmeißt sich voll in unser Pressing und sucht mit hohem Tempo das direkte Eins-gegen-Eins.
Umso bitterer war sein Saisonende: Anfang Mai beim 1:1 gegen Wolfsburg passierte dieser extrem unglückliche Zusammenprall. Schlüsselbeinbruch, OP, Saison gelaufen. Dass er ausgerechnet unser magisches Europa-League-Halbfinale gegen Braga verpasst hat und nun aktuell sogar um die WM 2026 bangen muss, ist nach so einer Saisonleistung einfach nur brutal.
Fazit: Das Kollektiv steht über allem
In der japanischen Kultur ist es absolut verpönt, sich selbst über die Gruppe zu stellen – eiserne Disziplin, Demut und Respekt vor der Aufgabe sind dort fest verwurzelt. Das ist im Grunde eins zu eins das, was uns in Freiburg schon immer stark gemacht hat. Und genau hier schließt sich der Kreis: Egal, wie heiß und unterschiedlich wir Fans manchmal über den richtigen Weg, die Zukunft oder neue Erwartungshaltungen diskutieren – solange wir Typen mit genau diesem Charakter auf dem Platz haben, bleibt das Fundament unseres Vereins eisern bestehen. Und darauf kommt es am Ende an.
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